Redensarten Lexikon
verstehen
›So to verstahn, dat Kind schall Jochen heten!‹ heißt es im Dithmarschen, wenn man erst nach vieler Mühe etwas begriffen hat. Zur Entstehung der Redensart wird in Schleswig-Holstein folgende Geschichte erzählt: En jungen Burn sin Fru leg in Weeken. En Jung weer opstahn. De Bur gung na sin junge Fru an't Bett und segg, he will dat Kind anmelln, wo dat heten schall. »Ja«, seggt de Fru, »dat Kind schall Jochen heten«. »Oh! worüm denn jüst Jochen«, meent de Bur. »Dat Kind schall Jochen heten«, seggt de Fru. He kann dat ne begriepen un seggt: »Worüm denn jüst Jochen?« »Dat Kind schall Jochen heten«, seggt de Fru. De Bur will dar ne mit aftreken. »Ja«, seggt de Fru, »dat Kind schall Jochen heten«. Do seggt de Bur: »Sooo to verstahn! dat Kind schall Jochen! heten!!« De Grotknecht heet Jochen.    Jemandem etwas zu verstehen geben: etwas andeuten, einen Wink geben, aber auch: ihm klar die Meinung sagen, vgl. französisch ›laisser entendre à quelqu'un‹.
   Etwas versteht sich von selbst (am Rande): es ist natürlich und selbstverständlich, es muß nicht einmal nebenbei bemerkt werden. Vergleiche lateinisch ›Illud indictum intelligitur‹; französisch ›Cela va de soi‹.
   Das Preußische kennt diese Redensart mit einem humorvollen Zusatz: ›Dat versteit söck am Rand, wenn de Schätel voll öss‹. Die Kurzform Versteht sich! dient der Bekräftigung.
   Etwas falsch verstehen: etwas anders auffassen, als es gemeint ist, etwas übelnehmen.
   Die Fragen Ich verstehe wohl nicht recht? und Habe ich (wirklich) recht verstanden? (vgl. französisch ›Ai je bien compris?‹) dienen zum Ausdruck ungläubigen Staunens und heftiger Entrüstung, ebenso wie der Zweifel am eigenen mangelnden Verständnis, indem man einen anderen fragt: Verstehst du das? In Norddeutschland kann darauf die scherzhafte Zurechtweisung erfolgen: Das verstehst du nicht, das verstehe ich kaum.
   Sich zu etwas verstehen: sich überzeugen lassen, sich bereit finden. Häufiger erscheint diese Redensart ins Negative gewendet: Sich nie (nicht) dazu verstehen: sich niemals zu etwas herbeilassen, nicht zustimmen.
   Sich auf etwas verstehen: etwas völlig beherrschen, es gelernt haben, besondere Geschicklichkeit zu etwas besitzen; vgl. französisch ›S'y entendre en fait de quelque chose‹.
   Sehr häufig sind redensartliche Vergleiche mit Tieren, die zur Steigerung des Nichtverstehens und Nichtkönnens dienen, z.B. ›Du verstehst soviel davon als eine Kuh Spanisch‹, oder: ›Er verstoht so vil dervo as e Chue von ere Muschgetnuss und en Esel von ere Fîge‹ heißt es in der Schweiz; ›Er versteht's wie ein Nashorn den Generalbaß‹; ›Er versteht davon soviel wie der tote Hund vom Bellen‹; ›Er versteht davon so viel als meine Katze‹; vgl. niederländisch ›Hij heeft er zooveel verstand van als onze kat‹; ›Er versteht sich darauf, wie der Esel aufs Harfenspielen‹, ›Wie die Ziege auf die Petersilie‹ (Wander IV, Spalte 1608f.).
   Hat jemand offensichtlich Glück bei seinen Unternehmungen, heißt es anerkennend: Der versteht's! oder Er versteht quid juris: er weiß sich in die Welt zu schicken, vgl. französisch ›Cet homme sait aller et parler‹ (veraltet).
   Das Gegenteil besagt die Wendung Die Welt nicht mehr verstehen. Sie beruht auf Friedr. Hebbels Trauerspiel ›Maria Magdalena‹ (1843/44), in dem Meister Anton am Schluß sagt: »Ich verstehe die Welt nicht mehr«.
   Verstandez vous? Verstehen Sie? ist eine scherzhafte Fragebildung neuerer Zeit nach französischem Konjugationsmuster.
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