Redensarten Lexikon
Schwager
Schwager, fahr zu!: beeile dich, fahre schneller, laß die Pferde traben! Diese Anrede des früheren Postillions hat mit der Verwandtschaftsbezeichnung nichts zu tun. Schwager war allgemein in der vertraulichen Begrüßung und Anrede beliebt. Bei Sebastian Brant heißt es im ›Narrenschiff‹ (XVII, 22f.):
   Wer pfennig hat, der hat vil fründ,
   Den grüßt und swagert yedermann.

Im 13. Buch von ›Dichtung und Wahrheit‹ erzählt Goethe, wie er selbst über sein Mißverständnis des Ausdrucks Schwager von einem angesehenen Geschäftsmann, der seinen ›Götz‹ beurteilte und sein Geschichtsverständnis sehr lobte, aufgeklärt wurde. Dieser wies den Dichter darauf hin, daß Götz kein Schwager Sickingens sei. Goethe suchte seine Annahme damit zu rechtfertigen, daß Götz in seiner eigenen Lebensbeschreibung den Sickingen Schwager nenne. Doch der Besucher belehrte ihn, daß dies nur eine Redensart sei, um ein näheres freundschaftliches Verhältnis auszudrücken.
   Die Anwendung des Ausdrucks auf den Postillion kam zuerst Anfang des 18. Jahrhunderts unter Jenaer Studenten auf und beruht auf einem Mißverständnis. Vor rund 400 Jahren vermittelten die Thurn- und Taxisschen Postknechte die Post zwischen Augsburg und Italien. Sie mußten mit Pferden umgehen können und stammten deshalb meist von Bauernhöfen, die Pferdezucht trieben und in Bayern ›Schwaigen‹ genannt wurden. Diese Postreiter nannte man nun ebenfalls wie die Senner auf der Bergschwaige Schwaiger, in bairischer Mundart auch Schwager. Mittel- und norddeutsche Studenten, die den Namen ›Schwaiger‹ nicht kannten, der auf althochdeutsch ›sweigari‹ = armentarius zurückgeht und nur noch in süddeutschen Mundarten fortlebt, hörten nur das Wort Schwager heraus. Es war zu Beginn des 18. Jahrhunderts die studentische Anrede des Nichtstudenten, während ›Bruder‹ als Anrede der Studenten untereinander üblich war. Die häufige Verbindung von ›Schwager Postillion‹ führte dann dazu, daß Schwager die Bedeutung von Postillion erhielt.
   Vergleiche auch Goethes Gedicht ›An Schwager Kronos‹. In diesem Gedicht wird der griechische Gott Kronos (Chronos) zum Pferdelenker des Lebensgefährts (-wagens), dessen Fahrt schließlich zwangsläufig in der Unterwelt endet:

   Töne, Schwager, ins Horn,
   Raßle den schallenden Trab,
   Daß der Orkus vernehme: wir kommen,
   Daß gleich an der Türe
   der Wirt uns freundlich empfange.
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