Redensarten Lexikon
Schnecke
Mit dem Vergleich Wie eine Schnecke pflegt man verschiedene Handlungsweisen oder Fähigkeiten sowohl von Tieren als auch von Menschen zu charakterisieren. Am häufigsten begegnet uns die Anspielung auf die langsame Art, mit der sich die Schnecke fortbewegt, so z.B. bei Goethe (XII, 208):
   Wir schleichen wie die Schneck' im Haus,
   Die Weiber alle sind voraus.

Aber nicht nur von der Fortbewegung spricht man in dieser Weise, sondern auch von anderen Tätigkeiten:

   Der Bau gerieth dabey, wie man
   Leicht denken kann, ins Stecken:
   Die Maurer sahn einander an,
   Und maurten wie die Schnecken.
   (J.A. Blumauer, Abentheuer des ... Aeneas, Bd. I [1784], 140).

In den Mundarten finden sich zahlreiche Beispiele für die Schnecke als Sinnbild der Langsamkeit: schwäbisch ›Du laufst so stät, dir könnten die Schnecken nachreisen‹; schleswig-holsteinisch ›He krüppt dor lank as 'n Snick‹. In der Eifel sagt man: ›De geht esu lassem (langsam) wie en Schneck iwer er Broch‹ (Brachfeld) oder ›Dat gäht ejo bal asu sihr, as wie wann en Schneck iwer Broch Galopp läft‹; elsässisch entsprechend ›Der geht wie e Schneck iwers Ackerfeld‹. Vielfach hat unser Vergleich auch in Ortsneckereien Eingang gefunden. Vgl. französisch ›comme un escargot‹.
   Jemanden zur Schnecke machen: jemanden heftig schelten, grob anfahren, sehr streng behandeln, moralisch vernichten, ›runterputzen‹. Der Redensart liegt wohl die Vorstellung zugrunde, daß jemand durch rücksichtslosen Drill nur mehr wie eine Schnecke kriechen kann. Dieser Ausdruck hat erst in diesem Jahrhundert, wahrscheinlich aus dem Soldatenjargon kommend, in der Volkssprache Fuß gefaßt. Aus der Sicht des Getadelten lautet die Redensart entsprechend Zur Schnecke werden: moralisch vernichtet sein, erschüttert sein oder auch abgeschwächt: erstaunt sein.
   Gelegentlich gebraucht man zur Kennzeichnung einer scheuen, verschreckten Reaktion die Wendung Sich ins Schneckenhaus zurückziehen:

   Nicht immer gleich
   Ist ein galantes Mädchen,
   Ihr Herrn, für euch;
   Nimmt sich der gute Freund zu viel heraus,
   Gleich ist die Schneck' in ihrem Haus
   (Goethe XIII, 14).
Die Wendung ›Sich in (s)ein Schneckenhaus zurückziehen‹ meint bildlich auch: sich isolieren, auf Kommunikation verzichten, gern zu Hause bleiben. Vgl. niederländisch ›in zijn schulp kruipen‹; französisch ›rentrer dans sa coquille‹; englisch ›to draw in one's horns‹ (vgl. ›Die Hörner einziehen‹).
   Der österreichische Ausruf: ›Ja, Schnecken‹ bedeutet, daß man sich getäuscht hat, Pustekuchen.
   Im Schwäbischen sagt man: ›E fauler Schneck, wo sei Haus net trage mag‹ und meint damit die Verweigerung einer Person, Verantwortung zu übernehmen.
   Schnecke sowie die Muschel sind Umschreibungen für die weiblichen Geschlechtsteile.

• AIGREMONT: Muschel und Schnecke als Symbole der Vulva ehemals und jetzt, in: Anthropophyteia VI (1909), S. 35-40; O. KELLER: Die antike Tierwelt 2 (Leipzig 1913), S. 519-543; E. SCHNEEWEIS: Artikel ›Schnecke‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens VII, Spalte 1265-1273; S. NADOLNY: Die Entdeckung der Langsamkeit (München 1987); J. LEIBBRAND: Speculum bestialitatis (München 1989), S. 139ff.}

Jemand zur Schnecke machen. Karikatur von Haitzinger, vom 21.X.85. Aus: DER SPIEGEL, Nr. 45, vom 4. November 1985.
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