Redensarten Lexikon
Schlüssel
Etwas unter seinem Schlüssel haben: Macht über etwas besitzen. Die Redensart ist biblischer Herkunft. Bei Mt 16, 19 verheißt Jesus dem Jünger Petrus die Schlüsselgewalt: »Und ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben«. Der Schlüssel wurde deshalb zum christlichen Symbol (Schlüssel Petri, der Kirche) und die ›Schlüsselgewalt‹ zu einem feststehenden Rechtsbegriff, die in der Rechtsprechung des Papstes als ›Statthalter Christi auf Erden‹ und ›Nachfolger Petri‹ eine wichtige Rolle spielt; vgl. französisch ›avoir quelque chose sous clé‹.    Die Redensart Die Schlüssel üben bedeutet: ein Amt ausüben, denn der Schlüssel entwickelte sich auch im außerkirchlichen Bereich zu einem Sinnbild der Gewalt, der Machtbefugnis, des Besitzes und eines hohen Amtes. So trug z.B. der Kammerherr einen goldenen Schlüssel hinten am Rocke zum Zeichen seiner Würde. Die Redensart Die Schlüssel kriegen: Hausfrau werden, bezieht sich auf einen alten Rechtsbrauch: Wenn die Ehefrau zum erstenmal das Haus ihres Mannes betrat, erhielt sie die Schlüssel zu Schränken und Truhen, wobei ihr die Herrschaft über den Hausrat und das Gesinde übertragen wurde. Zum Zeichen ihrer Würde trug sie von nun an die Schlüssel an ihrem Gürtel (vgl. Grimm, Rechtsaltertümer, 176).
   Einem die Schlüssel nehmen: jemandem den Dienst aufkündigen, ihn davonjagen. Luther gebrauchte in seinen ›Tischreden‹ (139) eine ähnliche Wendung: »einem die Schlüssel vor die Füße (Tür) werfen«.
   Den Schlüssel zurückgeben: seine Stellung, das Haus verlassen. Hans Sachs forderte in seinem Fastnachtsspiel (1, 42, 173, Neudruck) in ähnlicher Weise zum Gehen auf:

   und du unflat, lang her mein schlüssel,
   und komb mir nimmer inn mein hausz!

Die Schlüssel übergeben: seine Macht, seinen Besitz einem Mächtigeren oder dem Nachfolger überlassen. Bei der Übergabe einer Festung oder Stadt galt das Überreichen des Schlüssels an den Sieger als Zeichen der Unterwerfung. Besuchte ein Fürst, ein Landesherr die Stadt, wurde ihm ebenfalls feierlich vom Bürgermeister der Stadtschlüssel überreicht, ein Brauch, der sich bis heute im rheinischen Karneval erhalten hat, indem Prinz Karneval für die ›drei tollen Tage‹ den Schlüssel der Stadt und damit die Gewalt über sie erhält; vgl. französisch ›remettre les clés‹.
   Den Schlüssel suchen: ein Amt, Macht und Ansehen zu erlangen suchen. Die Redensart Er hat die Schlüssel funden heißt: er hat die erstrebte Stellung erhalten und daraufhin seine Einstellung, sein Verhalten geändert.
   Von einem, der in demütiger Weise ein Amt sucht, sagt man auch: Er sucht die Schlüssel Petri. Die Redensart bezieht sich auf das Verhalten von Papst Sixtus V. vor seiner Wahl. Als Kardinal ging er an Krücken und scheinbar von Schwäche gebeugt. Man gab seinem Leben nur noch kurze Frist und wählte daher ihn. Danach erhob sich der ›kränklich gebeugte‹ Mann gesund in seiner neuen Würde, und danach gefragt, wie diese plötzliche Verbesserung zu erklären sei, sagte er: »Ich ging gebücket, weil ich die Schlüssel des Petrus suchte, und nun habe ich sie gefunden«.
   Er hat den Schlüssel ins Feld: er kann gehen, wohin er will, er hat freie Pirsch. Jemandem den Schlüssel ins Feld geben: ihm die Freiheit geben, damit er gehen kann, wohin es ihm beliebt; vgl. französisch ›remettre à quelqu'un les clés des champs‹; ›Il a pris la clé des champs‹ und ›jeter les clés sur la fosse‹.
   Einem den Schlüssel aufs Grab legen (werfen): sich von der Erbschaft losmachen, die Schulden des Verstorbenen nicht übernehmen wollen, auch: sich öffentlich für zahlungsunfähig erklären (besonders im Dänischen): die Redensart weist auf einen alten Rechtsbrauch, der in manchen Gegenden noch heute geübt wird: die Ehefrau, die die Schulden ihres verstorbenen Mannes nicht bezahlen wollte, legte oder warf ihm die Schlüssel aufs Grab oder auf die Bahre, um damit auszudrücken, daß sie keine Verpflichtungen ihm gegenüber mehr habe (Grimm, Rechtsaltertümer, 453). Der Brauch und ähnliche Redensarten waren weit verbreitet. Vgl. lateinisch ›Quis aberrit a janua‹ und ›nolle alicujus hoeredem esse‹, französisch ›jetter les clés sur la fosse‹ und niederländisch ›den sleutel op de dood-kist leggen‹.
   Man darf den Schlüssel nicht aufs Grab legen dient besonders in Rheinhessen als Warnung, nicht vorzeitig aufzuhören oder aufzugeben.
   Alle Schlüssel an einen Haken hängen: den Erfolg einer Sache nur von einem Umstand, einer Person abhängig machen, etwas sehr Unsicheres wagen; vgl. ›Alles auf eine Karte setzen‹.
   Einem den Schlüssel zur Geldkiste übergeben: ihm unbegrenztes Vertrauen schenken, das mißbraucht wird; einem Erben oder Fremden die Möglichkeit selbst eröffnen, das angesammelte Vermögen zu verschleudern. Vgl. niederländisch ›Hij geeft hem den sleutel van zijne geldkist‹. Den Schlüssel in der Tasche haben: sein Vorhaben leicht ausführen können.
   Die Redensart Jemanden mit dem Schlüssel richten: ihn brandmarken, bewahrt die Erinnerung an einen alten Strafvollzug: dem Dieb wurde mit einem glühenden Schlüssel ein Zeichen eingebrannt, das zur Abschreckung und Warnung diente, brandmarken.
   Den Schlüssel zu einer Sache finden (kennen): den Sinn für richtiges Verständnis besitzen, die Erklärung für ein Geheimnis, eine Geheimschrift, das Verhalten eines Menschen haben. Bereits in der Bibel besitzt der Schlüssel diese übertragene Bedeutung, denn Lk 11, 52 heißt es: »Weh euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen«, d.h. durch falsche Schriftauslegung wurde den Menschen die wahre Erkenntnis und damit der Weg zu Gott verschlossen. Vgl. französisch ›trouver la clé de quelque chose‹.
   Die Redensart Den Schlüssel zum Herzen finden steht in Zusammenhang mit der im Volkslied beliebten Vorstellung vom ›Herzensschlüssel‹, der entweder verloren ist oder nur von einem bestimmten Menschen gefunden werden kann. Schon in einem Liebesbrief des Wernher von Tegernsee (12. Jahrhundert) heißt es:

   Dû bist beslozzen
   in mînem herzen;
   verlorn ist daz slüzzelîn:
   dû muost immer drinne sîn.
   Und in einem Lied aus Kärnten:
   Mei Herzerl ist treu,
   Is a Schlösserl darbei,
   Und an oanziger Bua
   Hat 'n Schlüssel darzu.
   (E.B. II, S. 87).

Von einem Menschen, der zu nichts zu gebrauchen ist, sagt man im redensartlichen Vergleich: Das ist ein Schlüssel, der nirgends hinpaßt. Vgl. niederländisch ›Iemand, die niet deugen wil, is gelijk aan een' sleutel, die nirgends op past‹.
   Der Schlüssel gilt häufig als erotisches Symbol und ist eine verhüllende Bezeichnung des Penis, während mit ›Schloß‹ das weibliche Geschlechtsorgan umschrieben wird (vgl. Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 67). Der Schlüssel paßt nicht: sie passen nicht zusammen. Die Redensart Er soll mit seinem Schlüssel dies Schloß nicht öffnen bezieht sich also auf den sexuellen Bereich. Vgl. niederländisch ›Hij zal zijn sleutel in dat slot niet steken‹. Die im Preußischen übliche Feststellung Er hat sich den Schlüssel verdreht heißt: er hat die Syphilis bekommen.

• J. BOLTE: Dû bist mîn, ich bin dîn, in: Zeitschrift für deutsches Altertum 34 (1890), S. 161-167; E. GOLDMANN: Artikel ›Schlüssel ›, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens VII, Spalte 1224-1228; J. MEIER: Kleinigkeiten 1. Du bist mîn, ich bin dîn, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 11 (1907), S. 269-278; A. HAUFFEN: Das Bild vom Herzensschlüssel, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literatur 105 (1909), S. 10ff.; H. BÄCHTOLD: Die Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit, Bd. I (=Schriften der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde 12) (Basel – Straßburg 1914), S. 84ff.; H. MEYER-BENFEY: Das älteste deutsche Liebeslied, in: Germanisch -romanischer Monatsschrift 25 (1937), S. 389-393; A. BECKER: »Du bist mein, ich bin dein«, in: Volk und Volkstum. Jahrbuch für Volkskunde 3 (München 1938), S. 332-335; A. TAYLOR: I Am Thine and Thou Are Mine, Hommages à Georges Dumézil, Bruxelles (Collection Latomus XLV) (1960), S. 201-208; L. SCHMIDT: Volksglaube und Volksbrauch (Berlin 1966), Kapitel ›Brauch ohne Glaube‹, S. 290; RÖHRICH-BREDNICH: Deutsche Volkslieder, Bd. II (Düsseldorf 1967), S. 340-342; W. Mezger: Narrenidee und Fastnachtsbrauch (Konstanz 1991).

Die Schlüssel übergeben. Detail aus dem Gemälde von Diego Velázquez: ›Die Übergabe von Breda‹, 1635, Museo del Prado, Madrid.

Schlüssel als erotisches Symbol. Deutsche Karikatur aus dem 16. Jahrhundert: ›Die ungleichen Liebhaber‹. Aus: Eduard Fuchs: Die Frau in der Karikatur, München 1906, S. 56.
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