Redensarten Lexikon
Roß
Das alte Wort ›Roß‹ ist vor allem in den oberdeutschen Mundarten gegenüber dem jüngeren ›Pferd‹ erhalten geblieben, z.B. ›Den bringt man nicht mit sechs Rossen fort‹, ›das Roß hinter den Wagen spannen‹, ›zwischen Roß und Wagen stehen‹. In den sprichwörtlichen Redensarten sind Roß und Pferd meist auswechselbar. Die älteren literarischen Belege sagen meist Roß.    Roß und Reiter nennen: klare Angaben machen, wer oder was hinter einer Anspielung steckt; Namen nennen, nichts verborgen halten, deutlich sagen, wovon die Rede ist, auch: wer die wahren Schuldigen und ihre Hintermänner sind. Diese Redensart bezieht sich auf einen mittelalterlichen Brauch: Bei den Turnieren war es üblich, den hinter seiner Rüstung verborgenen Ritter, den nur Eingeweihte an seinen Farben und Wappen erkennen konnten, bei seiner Ankunft oder seinem Eintritt zum Kampf laut mit seinem Namen und dem seines edlen Pferdes auszurufen, um ›Roß und Reiter‹ der Öffentlichkeit zu präsentieren.
   Diese alte stabreimende Zwillingsformel ist auch durch ein geflügeltes Wort aus Schillers ›Wallenstein‹ (›Wallensteins Tod‹, II,3) bekannt: »Und Roß und Reiter sah ich niemals wieder«. Dieses Zitat ist sprichwörtlich geworden.
   Auch die ›Pferdearbeit‹ ist in den älteren Zeugnissen eine ›Roßarbeit‹. So schreibt Joh. Agricola in seinen ›Sprichwörtern‹ (Nr. 690): »Eyn pferd vnd ein maul thun grosse arbeit, wie droben gesagt ist, darumb wenn man von grosser arbeyt sagt, die schier vber eyns menschen kreffte ist, so spricht man, es sey roßarbeyt«. Christoph Lehmann (817,12) sagt für heutiges ›Das Pferd beim Schwanz aufzäumen‹: »Das Ross beim hindern auffzeumen« = etwas durchaus verkehrt anfangen ( Pferd).
   Das Roß galt früher als der teuerste Besitz eines hochgestellten Herrn und wurde deshalb oft neben ihm bestattet, was archäologische Funde erweisen. Als Relikt eines alten Rechtsbrauches kann auch angesehen werden, wenn noch heute ein gesatteltes, aber reiterloses Roß dem Leichenkondukt eines Herrschers oder Staatsmannes folgt. Es sollte ursprünglich die große Trauer verkörpern, die beim Verlust des Verstorbenen dem ganzen Land zugefügt wurde.
   Hoch zu Roß sein: hochmütig, stolz, eingebildet sein. Ursprünglich wurde die Wendung nur auf vornehme Herren und Damen, vorwiegend aus dem Adel, bezogen, denn nur sie ritten zu Pferde und ließen die Untergebenen ihre Macht spüren, gaben ihren Launen nach und ließen Willkür walten. Einfache Leute hingegen besaßen, wenn überhaupt, nur einen Esel als Last- oder Reittier (vgl. auch Jesu Einzug in Jerusalem auf einer Eselin) oder nahmen nur einen Hund als Zugtier für ihren Karren.
   Sich aufs hohe Roß setzen Pferd. Vergleiche englisch ›to get upon one's high horse‹.
   Ein Roß um ein Pfeifen geben: etwas überaus Wertvolles für ein Nichts eintauschen. Vgl. das Märchen von ›Hans im Glück‹ (Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 83), in dem Hans seinen ganzen Verdienst nach und nach hingibt, indem er unvorteilhaft tauscht, weil er das Geringere begehrt. Diese Redensart wurde in der Barockzeit manchmal gebraucht, so von Hieremias Drexel (›Himmel, die ewig Bleibstatt‹ [München 1667]) und bei Abraham a Sancta Clara.

• M. JÄHNS: Roß und Reiter in Leben und Sprache, Glauben und Geschichte der Deutschen (Leipzig 1872); W. BRÜCKNER: Roß und Reiter im Leichenzeremoniell: Deutungsversuch eines historischen Rechtsbrauchs, in: Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 15/16 (1964/65),S. 144-209.}

Auf dem hohen Roß sitzen. Karikatur von Haitzinger, 78. Aus: DER SPIEGEL, Nr. 2, 1979.
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