Redensarten Lexikon
Nagel
bedeutete ursprünglich den Finger- und Zehennagel sowie (aber im Deutschen nur noch selten) die Tierkralle. Neben dieser Grundbedeutung kann mit Nagel aber auch ein hölzerner oder metallener Stift zum Festhalten von Brettern oder ähnlichen Materialien gemeint sein. Dieses Überschneiden der Bedeutung macht die Erklärung von alten, oft in ihrem Sinn dunkel gewordenen Redensarten besonders schwierig. In anderen europäischen Sprachen ist fast durchweg eine Trennung dieser beiden Hauptbedeutungen von Nagel auch in sprachlicher Hinsicht eingetreten (z.B. französisch Fingernagel: l'ongle; Stift: clou).    Vom Nagel als Fingernagel sind folgende Redensarten abgeleitet: Etwas brennt einern auf den Nägeln (oder auf die Nägel) bezeichnet die ängstliche Eile, mit der eine Arbeit in letzter Stunde fertiggemacht wird; man hat die Redensart vom Brennen der Fingerspitzen durch aufgelegte glühende Kohlen bei der Folterung hergeleitet. Die 1649 von Gerlingius unter Nr. 27 verzeichnete Form: »Die kertz ist auff den nagel gebrandt« sowie die 1718 von Celander (›Verkehrte Welt‹, S. 520) gebrauchte Wendung »So brennet ihm ... das Licht, wie man im Sprichwort zu reden pflegt recht auf den Nagel« lassen eine andere Erklärungsmöglichkeit offen, nämlich die Vorstellung der bis auf die haltenden Finger herabgebrannten Kerze. Man hat daran erinnert, daß sich die Mönche bei der Frühmette zum Lesen im Dunkeln kleine Wachskerzen auf die Daumennägel klebten, so schwer dieses Bild auch einem heutigen Kirchenbesucher einleuchten dürfte. Goethe gibt der Wendung noch etwas anderen Sinn:

   Der Dichter freut sich am Talent,
   An schöner Geistesgabe;
   Doch wenns ihm auf die Nägel brennt,
   Begehrt er irdischer Habe.
   Mit Recht soll der reale Witz
   Urenkeln sich erneuern;
   Es ist ein irdischer Besitz –
   Muß ich ihn doch versteuern!

D.h.: wenn er dichten muß, will er auch bezahlt sein, wobei unsere Redensart die Dringlichkeit unterstreicht.
   Einem die Nägel stutzen: ihm die Gelegenheit zum Stehlen nehmen; niederdeutsch ›ik möt di de Nägel wol kort holln‹.
   Sich etwas unter den Nagel reißen: sich etwas zulegen (mit dem Unterton: auf nicht ganz redliche Weise).
   Die Nägel (oder an den Nägeln) kauen: sich langweilen, ungeduldig, verlegen sein. Heinrich Heine dichtet: »Der Hans und die Grete sind Bräutigam und Braut ... der arme Peter die Nägel kaut« (›Buch der Lieder‹); vgl. englisch ›You had as good eat your nails‹; französisch ›se ronger (zernagen), se manger, se mordre ses ongles‹, höchst ungeduldig oder betrübt sein.
   Sich mit stumpfen Nägeln wehren: sich nur zum Schein wehren; literarisch bei Wieland (9, 86): »Die sich solang es hilft mit stumpfen Nägeln wehret«; Bismarck (›Reden‹ XI, 428): »Ich habe mir damals nur erlaubt, mich mit stumpfen Nägeln zu wehren«.
   Auf den Fingernagel bezieht sich auch die wienerische Redensart: ›er hat net, was schwarz unterm Nagel is‹, gar nichts; auch sonst: Das Schwarze unter dem Nagel: eine Kleinigkeit, Geringfügigkeit; vgl. rheinisch ›net dat Schwatte onger dem Nagel dervan han‹, keinen Vorteil davon haben. Sebastian Franck zitiert: ›Einem das Weisz vom Nagel geben‹, nichts; elsässisch ›was ufme Nagel hebt‹, sehr wenig; ›nit was under der Nagel geht‹, nichts. Ähnlich: ›Nicht um Nagelsbreite nachgeben‹.
   Den bairischen Ausdruck ›aufs Nägel‹, aufs Haar, ganz genau, der dem lateinischen ›ad unguinem‹ wörtlich entspricht (hier vom Steinmetz entlehnt, der mit dem Fingernagel die Glätte der Arbeit prüft), hat der Mundart -Forscher Andreas Schmeller (1785-1852) von den Nägeln oder Stiften herleiten wollen, die an der Innenseite von Schenkgefäßen zur Messung des Inhalts angebracht waren. Wenn man jedoch die schwäbischen Varianten ›auf's Nägele'na‹ und ›da muß älls uf's Nägele sei‹ berücksichtigt, scheint die Erklärung doch in dem Umkreis der zuletzt behandelten sprichwörtlichen Wendungen zu liegen, die den Nagel als etwas Bildhaftes für etwas Geringes gebrauchen. ›Aufs Nägele‹ hieße dann also: korrekt bis zum Geringsten.
   Es ist erstaunlich, in wie vielen, zum Teil völlig beziehungslosen Wendungen immer wieder die bildhafte Vorstellung des Fingernagels eine Rolle spielt. Hier seien nur die Wichtigsten mitgeteilt: rheinisch ›die Orwet (Arbeit) geht mer vum Nagel‹, geht gut voran; schweizerisch ›uf de Negel ha‹, zur Verfügung stehen. Häufiger findet sich schon: Etwas auf den Nagel können (oder kennen). Johann Fischart: »Kann er dieselbe Kunst auf ein Nägelein ...« – bis aufs Äußerste, so daß nichts daran fehlt. Oder noch deutlicher ein Zitat von Luther: »Meister Klügel, der die Hl. Schrift gar auswendig und auf dem Nägelein kann«.
   Schwäbisch ›etwas über den Nagel abbrechen‹: etwas übereilen, steht in enger Verwandtschaft zu schweizerisch ›über Nagel verreise müsse‹, Hals über Kopf, plötzlich; (vgl. englisch ›on the nail‹).
   Nur mundartlich verbreitet ist das schweizerische ›eim of em Negli chratze‹, schmeicheln. Ebenfalls wenig verbreitet sind: schleswig-holsteinisch ›he kann'n Nagel afbieten‹, hat ein sehr gutes Gebiß. Etwas an den Nägeln herzählen: Analogiebildung zum Fingerzählen. Von den Nägeln an den Zehen anfangen: von unbedeutenden und wenig zur Sache gehörenden Dingen reden, statt von der Hauptsache. Nägel haben wie ein Schinder: recht lange Fingernägel haben, ähnlich schlesisch ›Er hat Nägel wie die Schurschaufeln‹.
   Vom Nagel als hölzernem oder metallenem Stift sind die folgenden Redensarten abgeleitet: Etwas an den Nagel hängen: aufhören, eine Sache zu treiben (mit einem ähnlichen Bild: ›Etwas aufstecken‹; zunächst wohl von Handarbeiten gesagt, und ›Etwas aufgeben‹, eigentlich: ein Sinnbild eines zu übergebenden Lehens oder Rechtes hochhalten). In wörtlichem Sinne steht die Redensart noch in einem alten Soldatenlied:

   Doch heißt es an den Nagel g'hangen,
   Weil's Fried, Geharnisch, Spieß und Schwert.

Mit kühner Übertragung ist es gebraucht in den Worten eines patriotischen Mannes an den Kurfürsten Max Emanuel von Bayern (1679-1726), als dieser in dem Streit um die Erbfolge in Spanien auf Frankreichs Seite trat:

   Anderst sollest dich bedenken –
   Warum willst dein schönes Land
   Also an den Nagel henken?
   Das ist dir dein größte Schand!

In neuerer Zeit wird die Redensart vor allem bei der Aufgabe eines Berufes gebraucht: »Da er sein Studium nicht, nach Art so vieler geistlicher Herren an den Nagel hängte« (F. Ch. Laukhard, ›Leben und Schicksale‹, 1792, hg. von Petersen, I, 8).
   Groß ist die Zahl der Abwandlungen der Redensart: ›Etwas an einen lockeren Nagel hängen‹, etwas Unsicheres tun; ›Etwas an einen hohen Nagel hängen‹, sich Aufschub zur Überlegung verschaffen; ›Alles an einen
   Nagel hängen‹, alles verwischen, alles durcheinanderwerfen, anstatt jeder besonderen Sache ihren eigentümlichen Platz anzuweisen oder auch: das ganze Vermögen an ein Unternehmen wagen; ›Nicht alles an einen Nagel henken‹, nicht zuviel auf einen Wurf wagen; ›Von einem Nagel an einen anderen hängen‹, alte Schulden durch neue bezahlen; immerfort borgen. schwäbisch ›e Schuld von eim Nagel ab den andere henke‹, ›an's Nägele henke‹, ›er hat's am Nägele‹, hat's ganz sicher. ›Etwas hängt am Nagel‹, ist unbenutzt.
   Den Nagel auf den Kopf treffen: genau das Richtige treffen; freilich wohl nicht mit dem den Nagel einschlagenden Hammer, sondern mit dem Bolzen, denn die Redensart stammt aus der Sprache der Schützen: Ein Nagel, eine Zwecke (daher ›Zweck‹ = Ziel eines Tuns) bezeichnete den Mittelpunkt der Scheibe (vgl. die gleichbedeutende Redensart ›Ins Schwarze treffen‹, Schwarz, Schwarze; hierzu wohl auch ›Kernschuß‹ in wörtlicher und übertragener Anwendung). Luther schreibt (Jenaer Ausgabe V,246a): »Es ist not, daß ein guter Schütz allwegen den Pflock oder Nagel treffe«. Im Lateinischen entspricht ›rem acu tangere‹, wörtlich: die Sache mit der Nadel berühren (Plautus: »rem acu tetigisti«, ›Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen‹); in Frankreich sagt man: ›Viser dans le mille‹, also: die Mitte der Zielscheibe treffen, wo die Zahl 1000 steht. Goethe verwendet die Redensart in ›Dichtung und Wahrheit‹ (II, 6, S. 250) in bezug auf die sprachliche Treffsicherheit: »Ich sollte vergessen (im Sinne von: sollte gezwungen werden), daß ich den Geiler von Kaysersberg gelesen hatte, und des Gebrauchs der Sprichwörter entbehren, die doch, statt vieles Hin- und Herfackelns, den Nagel gleich auf den Kopf treffen«.
   Nägel mit Köpfen machen: ganze Arbeit machen, etwas zu Ende denken, konsequent sein; vor allem seit dem 19. Jahrhundert in westdeutschen Mundarten verbreitet, so rheinisch ›Nägel met Köpp make‹. Als negative Personencharakteristik: ›Däär mächt lauter Nääl ohne Köpp‹, lauter zwecklose Arbeit. In der Diskussion um die Ausbildung Jugendlicher wurde die Redensart zur Forderung parodiert: ›Macht Stifte mit Köpfen!‹
   Er hat einen (hohen, oder gewaltigen) Nagel (im Kopf): er ist sehr dünkelhaft (ähnlich wie ›Einen Sparren zuviel haben‹), Sparren. Diese seit dem 16. Jahrhundert bezeugte Redensart ist noch nicht erklärt. Das Gegenteil wird ausgedrückt durch die niederdeutsche Wendung ›enem den Nagel daal kloppen‹, einen demütigen (Bremisch-niedersächsisches Wörterbuch, 1768, III, 212).
   Jemand kann Nägel verdauen: jemand ist äußerst unempfindlich. Die Redensart ist schon im 17. Jahrhundert bezeugt in der ›Kriegsordnung‹ des Adam Junghans von der Olnitz (Köln 1611). In der Vorrede heißt es: »Wie eine Schertzrede gehet / ein Landsknecht muß Spitzen von Radenaegeln verdawen koennen«. Heute sagt man noch im Kanton Bern, wenn man sich stark fühlt: ›I kennt Neegel verdaue‹.
   Nägel auf sich spitzen lassen: sich alles gefallen lassen.
   Er ist mir ein Nagel zum Sarge: er trägt zu meinem frühen Tode bei, er verursacht mir einen schweren Verdruß, er bereitet mir Kummer, der an meinem Leben zehrt und es verkürzt. Das redensartliche Bild vom ›Sargnagel‹ ist seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts belegt, mundartlich vielfach variiert, z.B. rheinisch ›dat ess im der Näl op de Dudekess‹; schleswig-holsteinisch ›dat is'n Nagel to sien Sark‹ oder schwäbisch ›der hat ihm au en Nagel in d'Bahr g'schlage‹, hat ihn tödlich beleidigt; vgl. englisch ›that is a nail in my coffin‹; niederländisch ›dat is een nagel aan mijn doodkist‹. Sarg.
   Neben den Redensarten, die das Hauptwort Nagel als Kompositionsglied haben, tritt Nagel in einigen Wendungen auch prädikativ auf. Schon Adelung hat (1777) in Spalte 714 Nagelneu sein wohl zunächst für etwas gebraucht, in das eben frisch Nägel eingeschlagen worden waren.
   Eine weitere allgemein gebräuchliche Wendung ist Vernagelt sein: ungeschickt, begriffsstutzig, erstaunt sein; eigentlich: wie ein Pferd, dem von ungeschicktem Schmied beim Beschlagen die Nägel ins Fleisch getrieben wurden. Für vernagelt sein kann in diesem Zusammenhang auch ›Ein Brett vor dem Kopf (angenagelt) haben‹ stehen; französisch: ›être bouché‹. Ähnlich Vernagelt werden: getäuscht, verdummt werden. Ebenfalls negativ ist nageln in der Wendung ›Wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist‹ gebraucht ( Brett).
   Der Ausdruck kommt aus dem Schieß- und Waffenwesen vergangener Zeiten. Eroberte Kanonen wurden unbrauchbar gemacht, indem man einen Nagel in das Zündloch schlug.
   Was nicht niet- und nagelfest ist: was beweglich ist, was man mitnehmen kann, fast alles. Etwas ist niet- und nagelfest: etwas steht unumstößlich fest. Die Redensart erwuchs aus einer Formel der Rechtssprache: mit ›niet- und nagelfest‹ wurden die Immobilien im Gegensatz zu den Mobilien bezeichnet. Ein alter Rechtsspruch lautet: »Zum Haus gehört, was Niet und Nagel begreift«. Das Einschlagen von Nägeln war zudem eine Art Aneignungsritus: früher schlug der Bauherr den ersten und den letzten Nagel bei einem Bau ein.
   ›Nageln‹, ›Den Nagel einhauen‹ ist außerdem eine Sexualmetapher für Koitus.
   Ein ›Nagel-Auto‹ heißt ein Auto, in dem Geschlechtsverkehr stattfindet.

• H. SCHRADER: Er hat einen Nagel im Kopfe, oder kurz: er hat einen Nagel, einen hohen, einen gewaltigen Nagel, in: Zeitschrift für deutsche Sprache (Hamburg), 4 (1890), S. 311-317; H. BÄCHTOLD: Wie vernagelt sein, in: Schweizer Archiv für Volkskunde 13 (1909), S. 208-209; G. KESSLER: Wie vernagelt sein, in: Schweizer Archiv für Volkskunde 14 (1910), S. 305; B. FEHR: To pay on the nail, in: Archiv 142 (1921), S. 262-264; P.J.J. DIERMANSE: In den nagel zien, in: De Nieuwe Taalgids 23 (1929), S. 311-312; K. LOBER: Einen Nagel im Kopf: Merkwürdige Zusammenhänge um eine Redensart, in: Heimatjahrbuch für den Dillkreis 1
(1958), S. 54-57; A. HAUSER: Vom Essen und Trinken im alten Zürich. Tafelsitten, Kochkunst und Lebenshaltung vom Mittelalter bis in die Neuzeit (Zürich 1962), S. 119; J.R. RUSS: To blow one's nails, in: American Notes and Queries 9 (197071). S. 24.

Vernagelt werden (sein). Illustration von Glaßbrenner, Bd. 2, S. 238.
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