Redensarten Lexikon
Kredit
Kredit bei jemandem haben: gut angeschrieben sein, Vertrauen genießen; entsprechend das Gegenteil: Den Kredit verlieren; vgl. französisch ›perdre son credit‹. In Deutschland (im Gegensatz zu Frankreich) nicht mehr so bekannt ist die Redensart Kredit ist tot: es wird kein Kredit mehr eingeräumt. Wirtshausschilder und -sprüche bringen noch heute gelegentlich die Anzeige vom Tod des Kredits, zuweilen sogar in der Form einer Todesanzeige. Verschiedene Bildfassungen stellen das Leichenbegängnis des Kredits dar. Diese scherzhaft-satirischen Darstellungen sind jedoch verhältnismäßig jungen Datums, weil sie den allgemeinen Gebrauch ernsthafter Todesanzeigen voraussetzen. Redensarten wie ›Der Herr Pump (Borg, Schenker) ist gestorben‹, ›Der Onkel Schenker ist tot‹ und dergleichen haben das Wort Kredit und die mit diesem Fremdwort gebildete Redensart zurückgedrängt, und auch das Sagwort ›Kredit ist mausetot, sagte der Fuchs, da wollte ihm der Bauer kein Huhn borgen‹ dürfte nur noch vereinzelt anzutreffen sein.    Die Formel ›Kredit ist tot‹ tritt uns in Deutschland erstmals bei Abraham a Sancta Clara entgegen, dagegen ist das Wort ›Credito‹ oberdeutsch schon 1547 bezeugt und wird 1597 durch das aus dem Französischen entlehnte ›crédit‹ abgelöst. Die Scherzbilder vom Tod des Kredits in unseren heutigen Wirtschaften werden aber wahrscheinlich auf deutsche Bildgedichte aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückgehen. Zuvor war dieses Motiv in Frankreich verbreitet, von wo uns mit dem neuzeitlichen Geldwesen sowohl das Wort Kredit (von credere) als auch das Bildgut überkommen ist.
   Bereits im 16. Jahrhundert finden sich italienische Flugblätter, die neben bildlichen Darstellungen auch Verse vom Tod des Kredits bieten; solche Bilderbogen dienten sicherlich als Wandschmuck in Geschäften. Auf der Abbildung tritt Credenza (Kredit) als Persönlichkeit dramatisch auf. Schauplatz der Handlung ist der Laden eines wohlhabenden Stoffhändlers, auf dessen Ware Schubladen mit Knöpfen, Spitzen, Atlas, Brokat, Seiden- und Taffetstoffen, mit Leinwand, Netzen und Garn verweisen. Hinter dem mit Stoffstücken und Stoffrollen belegten Verkaufstisch stehen die Kaufherren, vermutlich Vater und Sohn, denen sich von rechts entblößten Hauptes der Kauflustige naht und Kredit haben will. Zwei weithin sichtbare Inschriften über den Schubladen und an dem Verkaufstisch geben diesem Ansinnen die grundsätzliche Antwort:

   Chi da in credenza spaza
   robba assai
   Perde gli amici e denar non
   ha mai.

Das ist der gleiche Spruch, der auch heute noch, gedruckt und handschriftlich, in vielen deutschen Geschäften, besonders in Fleischerläden, in mannigfachen Abweichungen der Textgestaltung hängt:

   Das Borgen ist ein schlecht Geschäft,
   Das hab ich oft empfunden.
   Zuerst wirst du die Ware los
   Und hinterher die Kunden.

Links von der Hauptszene spielt sich das traurige Schicksal der Credenza ab, das eine kurze Inschrift in einer Kartusche umschreibt:

   Credenza e morta
   il mal pagare l'ucise.

Darunter sieht man im Bild die auf dem Boden liegende Credenza, die der schlechte Zahler an den Haaren festhält, um ihr mit einem Schwert den Kopf abzuschlagen. Dieses Blatt gehört zu den Klagegedichten (lamenti), die von Italien aus in Flugblattform über ganz Westeuropa wanderten und sich bis heute in zahllosen Abwandlungen größter Beliebtheit erfreuen.
   Im 17. Jahrhundert wird auch in Deutschland und Frankreich das Motiv vom Tod des Kredits allgemein. Die Stelle der italienischen Credenza vertritt jetzt der männliche Kredit (le crédit). Die erweiterte Fassung ›Credit est mort, les mauvais payeurs l'ont tué‹ dürfte erst durch die Bilderbogendarstellungen zur geflügelten Redewendung geworden sein. Die Blütezeit des Schlagwortes vom Tod des Kredits war wohl das 17. und 18. Jahrhundert, wo sich dieses Motiv bis zu Theaterstücken auswuchs.
   Besonders interessant ist das wechselnde Zeitgewand des Motivs und sein Wandern durch die verschiedenen Gesellschaftsschichten.

• A. SPAMER: Kredit ist tot. Zur Geschichte eines volkstümlichen Scherzbildes, in: Volkskundliche Gaben, John Meier zum 70. Geburtstag dargebracht (Berlin und Leipzig 1934),S. 223ff.; W. TOBLER: Hier wird nicht gepumpt, in: Schweizerische Volkskunde 46 (1956), S. 43-48; M. PILSCH: Crédit est mort, in: Arts et traditions populaires 6 (1958; parr 1959), S. 264-268; K LAUCKANEN: ›Giving is dead‹, in: Proverbium, 1 (1965), S. 16; W. MIEDER: ›Kredit ist tot‹, in: Proverbium, N.F. 1 (1984), S. 187-189.}

Kredit ist tot. Kolorierter Holzschnitt, um 1810, Nancy, Desfeuilles, Paris, Bibliothèque Nationale. Aus: Jean Adhémar u.a. (Hg.): Populäre Druckgraphik Europas. Frankreich vom 15. bis zum 20. Jahrhundert, München 1968, Abbildung 115.

Kredit ist tot. Grabtragung des Kredits, kolorierte Tuschzeichnung auf Karton in einer Dresdener
   Wirtschaft, um 1925.

Kredit ist tot. Der schlechte Zahler tötet die Credenza, Italienischer Bilderbogen des 16. Jahrhunderts, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum.
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