Redensarten Lexikon
Kanone
Das ist unter aller Kanone: unter aller Kritik, schlecht, wertlos, unter dem Strich, unter aller Sau, spottet jeder Beschreibung. Während Kanone = Geschütz aus italienisch cannone, d.i. die Vergrößerungsform von canna = Rohr, abgeleitet ist, kommt unsere Redensart vom lateinischischen Schulausdruck Kanon = Maßstab, Richtschnur (›sic satis; male; pessime‹). Was unterhalb dieses Kanons (des Maßstabes zur Bewertung von Schülerarbeiten) lag, war sehr schlecht: ›sub omni canone‹. Die erst im 19. Jahrhundert bezeugte Redensart ist wohl eine aus Schülerkreisen stammende scherzhafte Übersetzung dieser Wendung. Sie wird mundartlich noch weiter verdreht zu: ›Unter aller Kanallje‹ (Gerhart Hauptmann: ›Rose Bernd‹).    Der Ursprung dieser Redensart soll nach einer Anekdote in Sachsen zu suchen sein. Dort habe ein Oberlehrer, der mit den Leistungen seiner Schüler nicht zufrieden war, an den Schulrat einst folgende Zeilen geschrieben: »... meine Zensurstaffel ist ein canon zu fünf Zensuren; leider liegen die Arbeiten der meisten Schüler sub omni canone ...« Damit ein jeder es verstand, habe er die Erklärung der Wendung ›unter aller Kanone‹ hinzugefügt.
   In neuerer Zeit hat sich ein weiterer Begriff herausgebildet: die ›Sportskanone‹. Damit ist ein Spitzensportler gemeint, der herausragende Leistungen erbringt.
   Von der Kanone leitet sich dagegen her: Mit Kanonen auf Spatzen schießen: großen Aufwand um einer geringfügigen Sache willen treiben; Besoffen wie eine Kanone: wie ein schwer geladenes Geschütz (dazu: ›Kanonenrausch‹), Strandkanone Strandkanone. Die Kanonen sprechen lassen, verhüllend für: den Krieg beginnen; vgl. französisch ›donner la parole aux armes‹ (gehobene Sprache): die Waffen sprechen lassen.
   Als Kanonenfutter dienen: an die Front geschickt und sinnlos geopfert werden. Diese Redensart entsprang der Ohnmacht des einzelnen Soldaten im Krieg, wenn klar war, daß es keinen Sieg mehr geben konnte. Erstmals begegnet der Ausdruck in Shakespeares Schauspiel ›König Heinrich IV.‹ (IV,2), in dem Falstaff die Worte »food for powder« (Futter für Pulver bzw. Kanonenfutter) gebraucht.
   (Ach du) heiliges Kanonenrohr ist ein Ausruf komischer Verzweiflung, der Verwunderung, des Erstaunens und Erschreckens; scherzhafte Umbildung eines Heiligennamens, der nicht mißbräuchlich oder im Fluch verwendet werden soll, ähnlich wie ›Heiliger Strohsack‹, ›Heiliger Bimbam‹, ›Heiligs Blechle‹.
• E. SCHWABE, in: Zeitschrift für den deutschen Unterricht 19 (1905), S. 528f.; H.M. KAULBACH: Bombe und Kanone in der Karikatur. Eine kunsthistorische Untersuchung zur Metaphorik der Vernichtungsdrohung (Marburg 1988).

Mit Kanonen auf Spatzen schießen. Karikatur von Haitzinger, 1976: ›Jagdszene aus Niederbayern‹.
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