Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch
Sülly, Herzog von
Herzog von Sülly (Maximilian), des großen Königs von Frankreich, Heinrichs IV. (s. dies. Art.), großer Minister, war zu Rosni 1559 geboren, und hieß, bis zu seiner Erhebung als Herzog, Herr von Bethune. Da diese Familie eine der ältesten und berühmtesten in Frankreich war, so erhielt er mit Heinrich, damahligem Erbprinzen von Navarra, eine gemeinschaftliche Erziehung, und wurde so von Jugend auf dessen Freund. Er eröffnete daher auch seine Laufbahn unter Heinrichs Fahnen gegen die Katholiken (s. d. Art. Pariser Bluthochzeit, Th. 1, S. 175, und Ligue); da er aber sich bald nicht allein als einen tapfern Krieger, sondern auch als einen Mann von großer Einsicht und Politik zeigte, so brauchte ihn Heinrich, so wie in der Folge, auch schon jetzt zu mehrern Gesandtschaften, nach deren Beendigung er wieder aufs Schlachtfeld eilte. Er hatte an den wichtigen Siegen, die Heinrich 1587 bei Coutras und 1591 bei Ivri erfocht, großen Antheil. Indeß konnte auch diese letzte Schlacht Heinrich noch keine Ruhe verschaffen, und er mußte, da ihm bereits 1589 die Französische Krone zugefallen war, gegen seine eignen katholischen Unterthanen fechten, die Philipp II., König von Spanien, unterstützte, um Heinrich die Krone zu entreißen, die er seiner Tochter zu verschaffen suchte. Sülly rieth daher Heinrich, zur Beruhigung seiner katholischen Unter-————
thanen zur katholischen Kirche überzutreten; Heinrich that es, und wurde darauf 1594 als König von Frankreich gekrönt. Der Friede zu Vervins, zu dem sich 1598 der stolze und ränkevolle Philipp bequemen mußte, und das Edict von Nantes (s. Th. 3, S. 211) verschaffte nun Frankreich Ruhe, deren es fast ein halbes Jahrhundert hindurch hatte entbehren müssen. Jetzt war Sülly, der seit 1594 nach und nach Staatssecretair, Mitglied des Finanzconseils und endlich 1597 Finanzminister geworden war, darauf bedacht, die äußerst zerrütteten Finanzen des Landes in Ordnung zu bringen, die Nation von drückenden Abgaben zu befreien, und besonders den Ackerbau zu befördern, der ihm für den Staat wichtiger schien, als die Künste des Luxus. Unermüdet in seinem Eifer, und unerschütterlich streng gegen Vorschläge habsüchtiger und verschwenderischer Höflinge, war er im Stande, in einem Zeitraume von 10 Jahren nicht allein 200 Millionen Livres Staatsschulden zu bezahlen, sondern auch sogar eine bedeutende Summe baares Geld auf den Nothfall für den Staat zurückzulegen. Da bei dieser guten Oeconomie der innere Wohlstand des Reichs außerordentlich wuchs, so stieg Süllp immer höher in der Gnade seines Herrn, der ihn 1604 zum Gouverneur von Poitou ernannte, ihm die Oberaufsicht über die Seehäfen von Frankreich übertrug, und sein Gut Sülly an der Loire zum Herzogthume
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erhob. Allein alle Gnadenbezeugungen konnten den rechtschaffenen Minister nicht zum Schmeichler seines Königs machen, vielmehr sprach er auch gegen ihn sehr freimüthig, besonders wenn Heinrich sich durch seine Maitressen zu unüberlegten Schritten verleiten lassen wollte. Er wagte es sogar einmahl, die Ehepacten, die Heinrich mit einer derselben bereits schriftlich abfassen lassen, zu zerreißen, und verhinderte durch diesen Umstand diese Verbindung. Zu Frankreichs Unglück machte Heinrichs Ermordung Süllyʼs großer und wohlthätiger Staatsverfassung zu früh ein Ende. Denn jetzt begab er sich auf seine Güter zurück, wo er seine schätzbaren Nachrichten über Heinrichs Regierung ausarbeitete. Er hinterließ bei seinem Abtritt vom Ministerium nicht nur die Manufacturen, Schifffahrt und Kriegsmacht Frankreichs im blühendsten Zustande, sondern auch im Schatze die Summe von 40 Millionen Liores an baarem Gelde. Allein unter der unruhigen Regentschaft von Heinrichs Wittwe, Maria von Medicis, die sie für ihren unmündigen Sohn, Ludwig XIII., übernahm, sank Frankreichs Wohlstand von neuem, und es wurde wieder ein Schauplatz bürgerlicher Unruhen. Ludwig rief daher in der Folge Sülly wieder an den Hof; allein da die Höflinge über den altmodischen Greis spöttelten, so sagte er zum König: »Sire, wenn Ihr Vater mir die Ehre erzeigte, mich um Rath zu fra-
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gen, so sprachen wir nicht eher von Geschäften, als bis er die Gecken und Narren hatte in das Vorzimmer gehen lassen,« – und bald ging er wieder auf seine Güter zurück, wo er 1641 starb. Unstreitig war er der größte Staatsminister, den Frankreich jemahls hatte, und übertraf selbst den so berühmten Colbert (s. dies. Art.). Denn außerdem, daß er zuerst das Muster einer guten Staatswirthschaft aufstellte, das Colbert nur befolgen durfte, so verliert auch Colbert deßhalb in Vergleichung mit Sülly, weil er, ganz gegen die Grundsätze von diesem, über der Beförderung des Handels den Ackerbau vernachlässigte, und, zum größten Nachtheil des Staats, den Getreidehandel sperrte. Man lernt übrigens den biedern Staatsmann am besten aus seinem oben erwähnten Werke kennen, welches ein interessantes Gemählde von Heinrichs Regierung enthält, ob es sich gleich nicht durch strenge Ordnung und Schreibart empfiehlt. Beides wollte der Abt de lʼEcluse des Loges verbessern; allein da die schmucklose Schrift bei dieser Mobernisirung, welche zu Paris 1745 erschien, mehr verloren als gewonnen hatte, so fand sie keinen allgemeinen Beifall. Im Gegentheil erschien von dem Originalwerke nur wenige Jahre vor dem Ausbruche der Französischen Revolution zu Paris eine neue Ausgabe, die auch ins Deutsche übersetzt wurde. Möchte doch gerade damahls, wo es noch Zeit war, Ludwig XVI. (der Sülly auch
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1777 eine Statüe errichten ließ) diese Memoiren über die Regierung des ersten Königs aus dem Hause Bourbon studirt, und möchte ihm doch ein zweiter Sülly beigestanden haben, um Heinrichʼs und Süllyʼs Staatsverwaltung wiederherzustellen!
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Ansicht: Sülly, Herzog von