Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch
Sobieski, Johann
Johann Sobieski, aus einer der ältesten und angesehensten adelichen Familien Pohlens, dessen Vorfahren die ausgezeichnetsten und wichtigsten Chargen von Zeit zu Zeit bekleidet hatten, diente von der frühesten Jugend an in der Armee, und war schon unter der Regierung Königs Johann II. Casimirs, eines der schwächsten Regenten Pohlens, commandirender Officier. Als dieser König im J. 1668 seine Regierung niederlegte, und, nach siebenmonathlichen Debatten über die neue Königswahl, endlich Michael Thomas Koributh Wiesniowietzki wider seinen Willen zum Könige in Pohlen gewählt wurde, verhielt sich Sobieski, der inzwischen bis zur Würde eines Kron-Großfeldherrn und Kron-Marschalls gestiegen war, ganz ruhig, obwohl, vermittelst dieser hohen Charge, damahls schon sein Einfluß auf die Republik Pohlen sehr bedeutend war. Ja, er nahm sich der öffentlichen Angelegenheiten seines Vaterlandes von dieser Zeit gegen das Ausland desto eifriger an, und demüthigte die übermüthigen und in den bisherigen Pohlnischen Kriegen immer siegreich gebliebenen Tatarn und Türken durch den bei Chozim über sie gewonnenen Hauptsieg, der nicht nur durch Sobieskiʼs kluge Dispositionen und glücklichen Operationspläne, sondern auch durch seine ausharrende persönliche Tapferkeit bewirkt, zugleich aber auch der Grund seines großen————
Ruhms und Emporsteigens, ja endlich auch die Hauptveranlassung zu seiner Erhebung auf den königlichen Thron wurde, welcher während dieses gefährlichen und für die Pohlnische Nation höchst schmerzhaften Krieges durch den Tod Michael Thomas im J. 1673 wieder war eröffnet worden. Zwar bewarben sich jetzt, nach Michaels Tode, nicht weniger Candidaten um die Pohlnische Krone, als 1668 nach der Resignation Johann II. Casimirs; auch hatten jene drei Parteien, die Pfalz-Neuburgische, die Lothringische und die Condeʼische, welche insgesammt den Pohlen einen fremden König aufdringen wollten, während der sieben Monathe, als so lange man sich mit der Königswahl unaufhörlich schon beschäftigt hatte, theils durch Versprechungen, theils durch Bestechungen, unter den Wählenden einen großen Anhang nach und nach sich zu verschaffen gewußt, so, daß man damahls schwerlich darauf fallen konnte, daß ein Vierter auch noch Anhang erhalten und bei dieser Königswahl seine Person als Kronprätendent mit ins Spiel bringen sollte. Und doch war dieß mit dem Kron- Großfeldherrn und Kron-Marschall Sodieski der Fall. Dieser wußte nicht nur die Uneinigkeit der wählenden Reichsstände äußerst klug zu seinem Vortheile zu leiten, sondern auch den größten Theil derselben so fein und künstlich für sich zu gewinnen, daß sie ihn als einen solchen zum Könige wählten, der, dem äußern
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Scheine nach, die königliche Krone gar nicht suche, noch viel weniger verlange: kurz, er wurde, als nun auch der Ruf von der bei Chozim gelieferten Schlacht nach Pohlen kam, in kurzer Zeit zu Watschau zum Könige ausgerufen, ohne daß er selbst für seine Person zugegen war. Als man ihm diese seine Wahl bekannt machte, blieb er, statt seine Krönung und den Antritt seiner Regierung, gleich seinen Vorgängern, zu beschleunigen, auf die erhaltene Nachricht vielmehr bei seiner Armee, und gab den an ihn geschickten Gesandten die in den erhabensten Betheuerungen enthaltene Antwort an seine Pohlen mit, nicht eher nach Warschau zurückzukehren und die Königskrönung an sich vollziehen zu lassen, als bis er die Feinde seines Reichs, die Türken (welche zeither seiner Nation zwei ganz entehrende Friedensschlüsse, unter Johann II. Casimir, und – bei weitem den schimpflichsten – unter seinem unmittelbaren Vorgänger, Michael Thomas, abgenöthigt hatten), aus den Pohlnischen und den benachbarten Staaten gänzlich vertrieben, und ihre Armeen großen Theils aufgerieben haben würde. Eine solche kraftvolle Rede, aus dem Munde eines alten, erfahrnen und tapfern Kriegers vernommen, von feurigen und mit Enthusiasmus beseelten Männern, dergleichen die an ihn geschickten Gesandten waren, der alles erwartenden Nation treulich vorgetragen, mußte nothwendig den größten Ein-
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druck machen, und nicht nur das ganze Volk in Erstaunen setzen, sondern auch dessen Liebe gegen seinen neuen König bis zur höchsten Verehrung bringen. Und wirklich hielt dieser auch pünktlich Wort: denn in nicht sehr langer Zeit vertrieb er die Türken aus allen Gegenden Pohlens bis in die Moldau, und erlangte durch seine beständigen Siege endlich für sich und sein Reich den ehrenvollsten Frieden, anstatt daß sein Vorgänger, noch nicht volle zwei Jahre vorher, beim Friedensschlusse eben diesen Türken ganz Podolien und Kaminiek, nebst der Hoheit über die Ukraine, hatte abtreten, auch einen jährlichen Tribut an sie zu entrichten versprechen müssen. Thaten dieser Art, von einem jüngern königlichen Helden glücklich vollzogen, würden vielleicht weniger Erstaunen erregt haben, als die des Sobieski, welcher zu der Zeit, als er sie verrichtete und als er die Krone erhielt, schon ziemlich bei Jahren war. – Daß dieser König, nach so vielen ausgestandenen harten Kriegsstrapazen, und nach einem für seine Nation so ehrenvollen Frieden, bei seiner Rückkehr mit dem größten Enthusiasmus aufgenommen, und seine bald darauf erfolgte Krönung mit allen möglichen Feierlichkeiten vollzogen worden sei, kann man wohl leicht ermessen; wenn wir gleich nicht zu behaupten wagen, daß jeder bedeutende Pohle, das heißt, jeder wahlfähige Reichsstand, über diese Wahl sich aufrichtig hätte freuen
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sollen. – Dieser Sobieski heißt in der Reihe der Pohlnischen Könige Johann III.
  Höchst wahrscheinlich würde jener bei Chozim erfochtene große Sieg und der hierauf erfolgte Frieden auf die Türken lange Zeit gewirkt und der Republik Pohlen die so sehr benöthigte Ruhe gewährt haben, wenn dieser König Johann III. weniger anhänglich an Oestreich, und weniger persönlich Freund gegen den damahligen Kaiser Leopold I. gewesen wäre; und für die Pohlnische Nation – welche in einem Zeitraume von länger als zweihundert Jahren, besonders aber seit dem Abgange des Jagellonischen Hauses, und seitdem Pohlen 1572 nach dem Tode Sigismunds II. Augusts, des letztern Jagellonischen Königs, in ein Wahlreich völlig war verwandelt worden, fast ununterbrochen die blutigsten und verheerendsten Kriege hatte führen müssen – wäre gewiß die längere Dauer dieses Friedens die größte Wohlthat gewesen: allein der König wollte nicht leiden, daß die Türken, welche in die Oestreichischen Staaten eingefallen und schon bis Wien vorgedrungen waren, auch diese kaiserliche Residenz schon wirklich belagerten, länger glücklich und der Schreck fast aller christlichen Reiche Europens sein sollten. Auch war die Absicht des Königs, seinem eignen Reiche gegen diese gefährlichen und unruhigen Nachbarn die benöthigte Sicherheit und eine beständig fortdauernde Ruhe zu verschaffen, un-
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verkennbar, und von ihm gerade um so eher zu erreichen, da er sich in den vorherigen Kriegen ihnen so furchtbar gemacht hatte. Kurz, er schickte dem Kaiser, der wohl noch nie mehr vor den Türken im Gedränge gewesen war, als jetzt, im J. 1683 eine ansehnlich große und tapfere Armee zu Hülfe, ging, nebst seinem ältesten Prinzen, Jacob, selbst mit zu Felde, und übernahm einen Theil des Hauptcommandoʼs in Person. Und gewiß hatte Leopold I. in diesem Feldzuge den Pohlen eben so viel, wo nicht noch mehr, als seinen eignen und den alliirten Bayerischen und Sächsischen Truppen, zu verdanken: denn in nicht gar langer Zeit wurde, durch die Hülfe der Pohlen, nach mehrern wichtigen Schlachten und Siegen, die sich bei der damahligen Uebermacht der Türken leicht denken lassen, Wien nicht nur entsetzt, sondern auch die ganzen Oestreichischen Staaten von den Feinden völlig geräumt. Auch ließ König Johann fast zu eben derselben Zeit durch eine zweite Pohlnische Armee die Tatarn aus seinem Podolien vertreiben, welche inzwischen, um den Türken Luft zu machen, dahin eingedrungen waren. – Von der persönlichen Tapferkeit des Königs wird man sich leicht überzeugen, wenn man hört, daß er in der Schlacht bei Barkan in Ungarn, die er, ohne den Anzug der Infanterie zu erwarten, mit seiner Reiterei allein eröffnete, nebst seinem Prinzen Jacob, in der größten Lebensgefahr
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sich befand, aus welcher der Herzog Carl V. von Lothringen, der mit der combinirten Oestreich-Bayerisch-Sächsischen Armee und der Pohlnischen Infanterie ihn inzwischen erreicht hatte, nur mit der größten Anstrengung ihn zu retten im Stande war. Jedoch nahm er nach der Schlacht und dem Siege bei Barkan keinen persönlichen Antheil mehr an dem einige Jahre noch fortgesetzten Kriege, sondern übertrug das Commando einem Generale: aber leider vermißte nur allzu bald die vereinigte Armee die Gegenwart des Königs; leider wurde der Krieg nur schläfrig fortgeführt, und leider waren die Bemühungen der sämmtlichen alliirten Mächte bloß das Spiel eines unbeständigen, wandelbaren Kriegsglücks.
  Da Johann III. in dem zwei und zwanzigjährigen Zeitraume seiner königlichen Regierung die meiste Zeit in Kriege verwickelt war, und den größten Theil über selbst persönlich bei der Armee sich mit befand, so kann man ihn kaum in die Reihe der verdienten und guten Regenten Pohlens setzen. Denn weder durch wohlthätige Gesetze, noch durch andere merkwürdige Handlungen, hat er sein Pohlen während seiner Regierung beglückt; welches ihm um so viel leichter gelungen sein würde, je unbezweifelter er bei Besteigung des königlichen Throns die Liebe des Volks für sich hatte, und Jedermann mit Abschaffung mancher Mißbräuche, wenigstens der auffallendsten,
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zufrieden gewesen sein würde. Da jedoch seine allzu große Anhänglichkeit an Oestreich, und die großen Theils davon herrührende Neigung zu den fast unaufhörlichen Türkenkriegen, der Nation äußerst mißfällig war, und er dagegen für das innere Wohl des Reichs in der That zu wenig that, so wurde er in den letztern Jahren seines Lebens von seinem Volke nicht allein wenig geliebt, sondern vielmehr gehaßt. Dieser Haß aber wurde dadurch bei der ganzen Nation gegen ihn um ein Großes erhöht, daß er auf eine ganz excentrische Art geitzig war, und, um seinem Hause recht viele und große Reichthümer zuzuwenden, oft die unerlaubtesten, ungerechtesten und zuweilen gar die niedrigsten Mittel einschlug. Freilich verband er mit dieser Neigung zum Gelde eine andere politische Absicht, nehmlich seinem ältern Prinzen, Jacob, zur Königskrone zu verhelfen: um nun diese Absicht desto eher und besser durchzusetzen, glaubte er gerade im Gelde und Reichthume das beste und wirksamste Mittel zu finden. Allein er täuschte sich; denn der Haß gegen den Vater pflanzte sich auf den Sohn fort, und nach dessen Tode wurde bei der Königswahl unter den mehrern Kronprätendenten auf den Prinzen Jacob weit weniger Rücksicht genommen, als auf die übrigen: kurz, August II., Churfürst von Sachse, wurde zum König von Pohlen gewählt und gekrönt.
  Johann III. starb 1696, höchst wahrscheinlich
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durch Vergiftung. Geheime Nachrichten legten damahls seinem Leibarzte, einem Juden, diesen widernatürlichen Tod zur Last. Er hinterließ wirklich königliche Reichthümer. Ihn überlebte seine Gemahlin, Maria Casimira de la Grange, die Tochter des Marquis dʼArquien, welche einen sehr großen Einfluß auf ihn hatte, aber auch zu vielen Handlungen ihn verleitete, die er ohne ihre Eingebung wohl schwerlich unternommen haben würde. Auch sein Generalpächter, gleichfalls ein Jude, hatte einen großen, mächtigen Einfluß auf ihn, weil er seine Kassen mit vermehren half, welche endlich seine drei Prinzen, Jacob, Alexander und Constantin, nachdem des ältern Hoffnung, zum Königsthrone zu gelangen, gescheitert war, unter sich theilten. Ueberhaupt hatten unter diesem Könige die Juden ihr goldnes Zeitalter in Pohlen.
  Manche Geschichtschreiber vergleichen den König Johann III. mit dem Kaiser Vespasian. Und in der That findet man einige Aehnlichkeit unter Beiden, wenigstens darin, daß Beide schon in einem ziemlich hohen Alter sich befanden, als sie auf den Thron gelangten; auch Beide viele persönliche Tapferkeit in sich vereinigten; aber auch Beide das Geld gleich stark liebten und geitzig waren.
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Ansicht: Sobieski, Johann