Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch
Schreibekunst, Die
Die Schreibekunst ist die Kunst, durch Buchstaben oder andere an deren Stelle tretende Zeichen, auf Papier oder einer andern Masse, seine Gedanken vorzustellen. Sie begreift als Haupttheile 1) die Schönschreibekunst oder Kalligraphie (s. diesen Art.), 2) die Rechtschreibekunst oder Orthographie (s. d. Art.) – welche auch ein Theil der Grammatik oder Sprachlehre (s. d. Art.) – ist. Noch gehören zu derselben als Nebentheile 3) die Geschwindschreibekunst oder Tachygraphie, 4) die Geheimschreibekunst (Kryptographie oder Steganographie) und 5) die Schreibmahlerei (m. s. alle diese Art. unter ihren besondern Rubriken). Die erste Grundlage der Schreibekunst waren Bilder, durch die man das Andenken merkwürdiger Gegenstände aufbewahrte, aus denen späterhin die Hieroglyphen (s. diesen Art.) entstanden. Als eigentliche Erfinder der Buchstabenschrift nennt man die Phönizier; von diesen kam sie zu den Griechen, welche sie den Lateinern und diese wiederum den Römern bekannt machten. Mit der Herrschaft der Römer wurde die Schreibekunst immer mehr verbreitet. In Deutschland (auf welches wir uns hier allein einschränken) war anfangs die Runenschrift (s. diesen Art.) bekannt; jedoch blieb hauptsächlich die Lateinische Schrift so wie die Lateinische Sprache bei dem Schreiben üblich, theils weil Deutschlands Leh-————
rer, die aus Irland und England kamen, in dieser Sprache schrieben, theils weil die Deutsche Sprache noch zu rauh und an Worten sehr arm war. Erst unter Carl dem Großen wurde sie durch Kero und Otfried gebildet; und man fing auch im neunten Jahrhundert an, sie zu schreiben, jedoch bloß mit Lateinischen Buchstaben. Ueberhaupt wurden öffentliche Schriften, z. B. Gesetze, Friedensschlüsse und Vertrage, nicht bloß mit Lateinischer Schrift sondern auch in Lateinischer Sprache abgefaßt, weil die Geistlichen, die allein der Lateinischen Sprache mächtig waren, sich durch den Gebrauch derselben in dem Monopol der wichtigsten Staatsämter zu erhalten suchten. Die Zeit, in der zuerst die Deutsche Schrift gewöhnlich geworden, setzt man gemeiniglich ins dreizehnte Jahrhundert, unter die Regierung Kaiser Friedrichs II. dagegen andere diesen Zeitpunkt später annehmen. Die Ausbildung der Deutschen Schrift wurde wohl am meisten durch die Buchdruckerkunst befördert. Deutschland hat, wie Breitkopf bemerkt, nur zwei eigne Schriftarten, die Fractur- und Current-Schrift, indem die Canzlei-Schrift bloß eine zum Geschwindschreiben eingerichtete Fractur ist, in der die Buchstaben mehr gebogen und mit einander verbunden sind. Die Fractur- Schrift bildete sich aus der im eilften Jahrhundert entstandenen so genannten Neugothischen oder Mönchs- Schrift. Späterhin und erst am Ende des funfzehnten
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Jahrhunderts kam auch bei dem Drucke die Current- oder Cursiv-Schrift in Gebrauch; man hatte nehmlich bisher bloß mit gerade stehender Schrift gedruckt, allein der ältere Aldo Manucci in Venedig erfand auch die schief liegende oder Cursiv-Schrift. Im sechzehnten Jahrhundert erhielt endlich die Deutsche Schrift ihre vorzüglichste Ausbildung durch Albrecht Dürer (s. dies. Art.); dieser setzte Anfangs für die Fractur, nachher auch für die übrigen Schriften, die gehörige Proportion fest, worauf sie durch seine Schüler und die Schönschreiber die jetzige regelmäßige Gestalt erhielten.
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