Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch
Schiller, Friedrich von
Friedrich von Schiller (Herzogl. Sachs. Weimarischer Hofrath), einer der ersten unserer Deutschen Dichter, hatte Wirtemberg zu seinem Vaterlande. Er (ein Sohn des Commandanten auf der Solitüde im Wirtembergischen) wurde zu Marbach den 10. Novbr. 1759 geboren. Schon in seiner frühesten Jugend pflegte er sich düster in sich selbst zurückzuziehen, und jede Schranken der wirklichen Welt waren ihm peinlich und unausstehlich. Er wurde gewissermaßen von den Seinigen dazu bestimmt, Chirurgie zu studiren; allein mit seinen Studien als Arzt wollte es nicht vorwärts, weil er – ganz heterogene Wissenschaften studirte. In einem militairischen Institute, der Carls-Akademie zu Stuttgard, sollte er seine erste Bildung erhalten; aber gerade hier mußte er die Fesseln, die seinen Geist einengen wollten, am stärksten fühlen. Seine Einbildungskraft, seine brennende Neigung für Poesie fanden unter diesem Drucke und durch diesen Zwang nur noch mehr Nahrung: und Shakespear, mit dem er sich in sehr frühem Alter bekannt machte, beschäftigte seine ganze Seele; ihm widmete er seine ganze Verehrung, sein ganzes Studium. An dem nachher als Componist berühmt gewordenen Zumsteeg hatte er einen einzigen treuen Freund, in dessen Busen er seine glühenden Gefühle ausschütten konnte; – so entstand sein erstes merkwürdiges Product, die Räu-————
ber, von dem er selbst nachher gestand, daß, unbekannt mit Menschen und Menschenschicksal, sein Pinsel nothwendig die mittlere Linie zwischen Engel und Teufel verfehlen – ein Ungeheuer hervorbringen mußte. Er ward als Verfasser dieses Stücks bekannt und – aus jenem Institute verstoßen! Er floh nach Manheim, wo er anfangs sich als Regiments-Chirurgus anstellen ließ. Mit Schubart – den gleicher Haß gegen Despotismus beseelte – stiftete er auch innige Freundschaft. Damahls erschien seine Anthologie (1782); und nach einiger Zeit betrat er wieder die dramatische Dichterbahn, wobei ihm eben dieser sein Aufenthalt in Manheim, wo er bald als Theaterdichter angestellt wurde, und sein Umgang mit Dalberg, Iffland etc. noch mehr Veranlassung ward, diese Laufbahn zu verfolgen. Sein Fiesko und bald auch Cabale und Liebe, das er in seinem 25. Jahre schrieb, wiesen ihm einen Platz unter den ersten Dichtern Deutschlands an. – Daß seine eigne Individualität an den großen Wirkungen, die seine Tragödien auf Leser und Zuschauer hervorbrachten, den meisten Antheil hatte, ist gar nicht zu läugnen. Seine unter dem finstersten Drucke dahingebrachte Jugend, seine so früh schon gemachten traurigen Erfahrungen, die Resultate, die er sich selbst beim Lesen der Geschichte zog – das alles hatte den fürchterlichsten Einfluß auf seine Dichtungen: hierzu kam das Lesen seines Lieblings-
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dichters Shakespear, wodurch bei seinem ohnedieß großen Hange zum Furchtbaren seine Phantasie noch ungleich mehr genährt wurde. Während er sich voll Ernst und Eifer der Philosophie widmete – die philosophischen Briefe von Julius und Raphael waren Erzeugnisse dieser seiner Liebe zur Philosophie – verlot er doch die tragische Bühne nicht aus dem Gesicht. Als Mitglied der Churfürstl. Deutschen Gesellschaft zu Manheim hatte er Gelegenheit, über diesen Gegenstand tiefer nachzudenken; und es entstand nach und nach sein Don Karlos, den er zwar, als er Manheim verließ und auf einige Zeit nach Mainz, dann aber nach Sachsen ging, noch nicht zu Ende gebracht hatte, dessen Bruchstücke aber, wie er sie damahls in der Rheinischen Thalia gab, das Meisterwerk ahnen ließen, das er nachher bei seinem wechselseitigen Aufenthalte in Dresden und Leipzig vollendete.
  Seine eigentlich gelehrte Epoche fing im J. 1789 an, wo, nachdem er einige Zeit zuvor seinen Aufenthalt in Leipzig (oder vielmehr Gohlis) mit dem in Weimar vertauscht hatte, durch Götheʼs Vermittelung er als Professor der Philosophie nach Jena berufen wurde. (Schon zwei Jahre zuvor hatte ihm der Herzog von Weimar den Raths-Charakter ertheilt.) Hier durch die angenehme Lage von Jena noch mehr begünstigt, war er mit literarischen Arbeiten unermüdet beschäftigt; und dem Zeitraume von wenig Jahren dankte
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man mehrere seiner historischen Werke, z. B. die wichtige Sammlung der Memoires – die unübertreffliche Geschichte des dreißigjährigen Krieges, die ihm, nach Wielands Urtheil, einen Platz neben Hume, Robertson und Gibbon anweiset – seine, leider! unvollendet gebliebene Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande etc. Allein hier legten auch, leider! die ununterbrochenen Anstrengungen seines Geistes den Grund zu seinem körperlichen Hinsinken! Eine schwere Krankheit im Jahr 1791 hatte ihn schon dem Grabe näher gebracht; und obgleich dießmahl noch gerertet, blieb doch seine Gesundheit von jetzt an immer schwankend. Indessen, kaum wieder hergestellt, widmete er sich dem Studium Kants, welcher damahls in seiner Kritik der Urtheilskraft für die Naturforschung und Aesthetik neue Bahnen brach; Schiller trug durch seine geistreichen Erörterungen, die er damahls über mehrere Gegenstände dieser Art schrieb, sehr viel zur Verbreitung der Kantischen Ideen über Aesthetik bei. In diesem Zeitraume war es auch, wo Schiller sich mit seiner würdigen Gattin, einer Fräul. von Wollzogen, vermählte, die er vorher bei ihrem Bruder, auf dessen Gütern im Meiningschen er sich einige Jahre aufhielt, hatte kennen lernen. – Sechzehn Jahre lang hatte nun, während er so vielen Antheil an den von Jena ausgehenden Reformen der Philosophie nahm, und durch sein fortgesetztes Studi-
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um der Muster des Alterthums sich dem Zeitpunkte vollendeter Reife näherte, seine Ausübung der tragischen Kunst geruht: ihr widmete er sich nun wieder; und es erschien sein Wallenstein, seine Maria Stuart, die Jungfrau von Orleans, die Braut von Messina, Wilhelm Tell etc. Was auch die Kritik über diese Stücke in Ansehung der Materie und Form zu tadeln sich berechtigt glauben mag, so ist doch die erhabene Sprache, die Fülle der Gedanken, die reiche blühende Phantasie darin der höchsten Bewunderung werth. Unter den letztern haben übrigens die Jungfrau von Orleans und die Braut von Messina das Auszeichnende, daß jene eine romantische Tragödie und diese ein Versuch ist, den Chor der Griechen wieder auf unserer Bühne einzuführen.
  Im Jahr 1801 verließ er wegen seiner schwächlichen Gesundheit, auf Anrathen der Aerzte, Jena, und lebte dann bloß für sich in Weimar; aber auch zurückgezogen wurden doch seine Verdienste anerkannt, und ihm im Jahr 1802 das Adelsdiplom – wenn anders diese äußere Ehre die Verdienste eines Schillers noch mehr hervorzuheben im Stande war – zugesendet. Leider! genoß er jene stille Zurückgezogenheit nicht lange; ein Nerven- und Brustfieber endete im Jahr 1805 den 9. Mai sein Leben! Die Nachricht von diesem Todesfalle war ein Schlag, der sich electrisch von Ort zu Ort verbreitete – unstreitig das beredtste Denk-
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mahl, das diesem großen Geiste aufgestellt werden konnte!
  Gewiß war Schiller eines der größten, eines der merkwürdigsten Genien. An ihm ging die Prophezeihung Lessings (dessen Tod gerade in die Zeit der ersten Blüthe von Schiller fiel) in Erfüllung, daß Shakespear noch ganz andere Köpfe unter uns erwecken würde, als man von den Franzosen zu rühmen wisse. – Das Drama hat unstreitig unendlich durch ihn gewonnen, durch ihn ist das Gebiet desselben merklich erweitert worden. Aber ihm widmete auch Schiller seine meisten Kräfte; davon machte auch in seiner letzten Lebensperiode besonders das Weimarische Theater, dem er so viel thätige Sorgfalt und Theilnahme schenkte, die erfreulichste Erfahrung: auch bemerkt mit Recht einer seiner trefflichsten Charakterzeichner (in der schätzbaren Leipziger Literatur-Zeitung von 1805, Nr. 92), daß Sch. nur ganz für die tragische Kunst geboren war, und daß seine Trauerspiele der Kern aller seiner poetischen Werke seien. – Bemerkt auch gleich der Verehrer Shakespears, daß Sch. diesen sich zum Vorbilde genommen, so ist doch des Eigenthümlichen bei ihm so viel, daß er weit entfernt von einer bloßen Nachahmung erscheint. Reiche Phantasie, kühne Bilder, Diction, lebendige Charakterzeichnung Ueberraschung, die er oft herbeizuführen weiß – alles giebt seinen Tragödien einen außeror-
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dentlichen Nachdruck, und bringt die höchste, die stärkste Wirkung hervor. – Aber auch in seinen Gedichten erscheint Schiller gleich bewundernswürdig: wer kennt nicht sein schönes, herzerhebendes Lied an die Freude? das herrliche Lied von der Glocke? wen erfüllen nicht die Kindesmörderin – Freigeisterei der Leidenschaft – die Hymne an den Unendlichen – die Götter Griechenlands – Resignation und noch so viele andere edle, treffliche Poesien mit Bewunderung? wen fordern sie nicht zum innigsten Beifall auf?
  Aber in allem, was er schrieb, ist hauptsächlich sein großes Streben nach höchster Veredlung, sein Feuereifer für Wahrheit überall sichtbar. »Kein Dichter der neuesten Zeit« – so sagt ein anderer einsichtsvoller Darsteller von Schillers Verdiensten im Intell. Bl. zur Hall. Allg. Lit. Zeit. von 1805 (dessen Schilderung zum Theil wir auch hier zum Grunde dieses schwachen Abrisses gelegt haben) – »kein Dichter der neuesten Zeit hat mehr – wenige, sehr wenige nur so viel wie Er durch die Macht des hohen, reinen Gesanges, und so kräftig, so schön in die Bildung des Zeitalters eingegriffen.« An Schillern als Mensch erlitten auch seine Freunde – über alles aber seine Gattin – einen unersetzlichen Verlust. Einfache Größe, liebevolle Freundlichkeit, ein Herz voll Liehe und Güte, Offenheit und Biederkeit – dieß alles machte denen, die ihn näher umgaben, seinen Umgang beneidens-
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werth. – Die vielfachen Versuche, sein Andenken nach seinem Tode zu ehren, geben den schönsten Beweis, was dieser große Mann für unsere Nation war. In wie fern der von dem würdigen Herausgeber der National-Zeitung vorgeschlagene Plan, den Ertrag, welcher bei der diesem großen Entschlafenen zu Ehren gehaltenen Todtenfeier auf mehrern Bühnen Deutschlands eingekommen, zum Ankauf eines Landguts für seine Nachkommen (er hinterließ vier Kinder), unter dem Namen Schillers Ehre anzuwenden, zur Reife gedeihen werde, muß die Zukunft lehren, obgleich nach dem letztern Bericht des gedachten Herausg. noch manches Hinderniß im Wege zu stehen scheint.
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