Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch
Scherer
Barthelemi Ludwig Joseph Scherer, einer der merkwürdigen Obergenerale des republicanischen Frankreichs, der seit Ende des Aprils 1799 in Frankreich als Privatmann lebt. Er wurde um 1750 zu Döll an den Gränzen des ehemahligen Oberelsasses geboren, entfloh seinen Aeltern und nahm Oesterreichische Kriegsdienste, in denen er bis zum Fähndrich stieg, sie jedoch nach 11 Jahren heimlich verließ und nach Paris ging. Daß er hier einige Zeit auf Kosten des Herzogs von Richelieu lebte, bei dem sein Bruder Haushofmeister war; daß er sich zwar als einen guten Kopf, aber voller Intrignen und als einen Bonvivant ohne Grundsätze und Moralität zeigte, ist bekannter als der Zeitpunkt, in dem er als Officier bei den Französischen Truppen angestellt wurde, und überhaupt sein ganzes Avancement vor der Revolution. Nach Ausbruch derselben ward er nach und nach Adjutant der Generale Deprez-Crassier, Eikenmaier (s. Art. Mainz Th. 3. S. 32) und Beanharnois1, erhielt aber, ungeachtet er sich weder für noch wider die Revolution erklärte, weil er als Aristokrat angegeben wurde, seinen Abschied. Es gelang ihm bald, aufs neue angestellt zu werden; er stieg sogar bis zum Generaladjutanten und commandirte als solcher einige Zeit zu Brundrutt, bis ihn die in die dortigen Gegenden gesendeten Nationalrepräsentanten, als verdächtig, 20————
Stunden von den Gränzen deportiren ließen. In kurzer Zeit kam er als Brigadegeneral zurück, wurde nochmahls deportirt und endlich am 28. Januar 1794 zum Divisionsgeneral ernannt. Diese Würde und noch mehr das ansehnliche Vermögen, das ihm bald darauf durch seine Verheirathung zufiel, fachte seinen Ehrgeitz an; er suchte durch jedes Mittel sich immer höher zu schwingen, und für jetzt stand ihm das Glück zur Seite. – Der Rückzug der Alliirten aus den Französischen Niederlanden war durch die Schlacht bei Fleurus (26. Juni 1794) entschieden; noch waren aber die vier Festungen, Valenciennes, Conde, le Quesnoi und Landrecy, in ihrer Gewalt, die Scherer jedoch mittelst des Decrets vom 4. Juli 1794 (s. Landrecy) binnen wenigen Wochen wieder in Französische Hände brachte. Er stieß darauf mit seinen Divisionen zur Jourdanschen Hauptarmee, siegte am 18. September bei Sprimont über den General La Tour und half am 2. October den Sieg an der Roer erfechten, durch den die Oesterreicher über den Rhein zurückgedrängt wurden. Diese glücklichen Vorfälle verschafften ihm im Novbr. 1794 die Oberbefehlshaber- Stelle bei der Alpen-Armee, die er zwar bald nach Dugommierʼs Tode (s. Figueras) mit dem Commando der Ostpyrenäen-Armee vertauschte, aber nach Abschluß des Friedens mit Spanien im August 1795 zum zweiten Mahle erhielt. Durch seine damahligen
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Divisionsgenerale Massena und Augereau erfocht er am 23. November d. J. bei Loano einen vollständigen Sieg über die Oesterreicher; allein Frankreich erwartete vergebens, daß er, wie er gekonnt, ihn zur Eroberung der Lombardei nutzen würde. Durch dieses sein kleinmüthiges Zögern erhielt Bonaparte Gelegenheit, früher, als wohl außerdem geschehen sein würde, den Grund zur Unsterblichkeit seines Namens zu legen, indem ihn das Directorium für den Feldzug 1796 an Scherers Stelle an die Spitze der Alpen- oder Italiänischen Armee rief. Scherer trat jetzt in den Privatstand zurück; und wie gut für ihn, wie viel besser für sein Vaterland, wenn er ihn nicht wieder verlassen hätte! Doch es war zu seiner Demüthigung nicht genug, daß durch die Thaten seines Nachfolgers bei der Armee sein sehr mittelmäßiger kriegerischer Ruf verdunkelt wurde; er mußte noch überdieß, da er es wagte, im Juli 1797 an Carnots Stelle Kriegsminister zu werden, seine Untauglichkeit zu diesem Posten eben sowohl als seinen Leichtsinn und seine Unmoralität völlig bewähren. Er stellte als Kriegsminister der Republik eine furchtbare Kriegsmacht auf; allein ein großer Theil derselben stand nur auf seinen Papieren, und die Besoldung dieser nicht existirenden Truppen floß in Scherers und seiner Gehülfen Kassen. Selbst die wirklichen Armeen der Republik, die, auch nach Abschluß des Friedens zu Campo Formido, durch die be-
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ständigen Gefechte in der Schweiz und gegen die Insurgenten in Italien, immer mehr geschwächt und nicht wieder verstärkt wurden, litten durch Scherers Sorglosigkeit Mangel an allen Bedürfnissen. Die nothwendigen Folgen dieser Zerrüttung konnten nicht außen bleiben, als das Directorium, im Vertrauen auf die zeitherigen Siege und seine vermeintliche große Kriegsmacht, im März 1799 den Feldzug gegen die an Zahl und Gehalt den Franzosen weit überlegenen Oesterreicher eröffnen ließ. Um Frankreichs Unglück zu vollenden, erhielt Scherer – den die Theilhaber seines untreuen und leichtsinnigen Kriegsministeriums mit Ehren der Verantwortlichkeit zu entziehen suchten, um nicht selbst mit verantwortlich zu werden – zum dritten Mahle das Obercommando der Italiänischen Armee, die unter Bonaparte des Sieges gewohnt worden war und sich unter den übrigen Französischen Armeen noch in dem besten Zustande befand. Schon nach 10 Tagen, von der Zeit an, als Scherer seine Operationen gegen Kray anfing, war sie durch die am 26. März und 5. April erlittenen Niederlagen äußerst geschwächt und zu Ende des Monats April beinahe bis auf den vierten Theil zusammengeschmolzen. Nun erst eilte Scherer, dem unvergeßlichen Helden Moreau sein Commando abzutreten; er selbst kehrte, mit Verachtung begleitet, nach Frankreich zurück, und war bescheiden genug, die Generalinspection von der
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Infanterie, die ihm auch jetzt noch von dem Directorium angetragen wurde, nicht anzunehmen. Ob er nun schon gegenwärtig ganz in der Stille in Frankreich lebt, so hat er doch, nach allem Obigen, als der eigentliche Urheber des im Laufe des Revolutionskrieges beispiellosen Unglücks, welches Frankreich in dem Feldzuge von 1799 traf, seine Unsterblichkeit in den Französischen Kriegsannalen, freilich auf die unrühmlichste Art, gesichert.
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Fußnoten
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1 Alexander Vicomte de Beauharnois, der erste Gemahl der jetzigen Französischen Kaiserin Josephine, war der Liebling am Hofe Ludwigs XVI., ward Mitglied und einige Zeit Präsident der ersten Nationalversammlung, Chef der Rhein-Armee vom 27. Mai bis zum 24. September 1793, und nur vier Tage vor Robespierreʼs Sturz, am 23. Juli 1794, guillotinirt. – Vielleicht hing von diesen vier Tagen die Existenz des Französischen Kaiserthums ab! eine Behauptung, deren genauere Ausführung für diese Note zu weitläuftig werden würde.
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* Scherer starb zu Chauny (Dep. lʼAisne), wo er, fast ganz vergessen, seine letzte Zeit zugebracht hatte, im August 1804.
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