Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch
Kleist, Ewald Christian von
Ewald Christian von Kleist, 1715 zu Zeblin in Pommern aus einem durch mehrere Helden berühmten Geschlecht geboren. Seine Aeltern gaben ihm eine vortreffliche Erziehung: im 9. Jahre schickten sie ihn in die Jesuiterschule nach Cron in Großpohlen, und im 15. auf das Gymnasium zu Danzig; im 17. ging er auf die Universität nach Königsberg, um die Rechte zu studiren. Hier gewann er die Liebe zur Gelehrsamkeit, die ihn nachher immer vor Männern seines Standes auszeichnete, die Kenntniß der alten Literatur, der Philosophie, der Mathematik und der Rechte, und die Fertigkeit in den neuern Sprachen. Von hier reiste er, um sich Weltkenntniß zu verschaffen, zu seinen Anverwandten nach Dänemark, die ihn bald so lieb gewannen, daß sie ihn zu einem Bürger ihres Vaterlandes zu machen wünschten. Er bewarb sich um einige Civilstellen; aber seine Bemühungen schlugen ihm fehl. Er wählte nun auf Anrathen seiner Anverwandten den Militairstand, und wurde i. J. 1736 Dänischer Offizier. Er studirte nun alles, was in das Gebiet der Kriegswissenschaft gehört, mit Eifer, verließ aber den Dänischen Dienst bald, ging gleich bei dem Antritt der Regierung Friedrichs II. nach Berlin, und wurde dem König vorgestellt, der ihn zum Lieutenant bei des Prinzen Heinrichs Regiment ernannte. Die Feldzüge, die der König in den ersten Jahren seiner Regie-————
rung unternahm, gaben ihm Gelegenheit, seine militairischen Talente auszubilden. Im Grunde scheint jedoch Kleist nie wahre Neigung für den Soldatenstand gehabt zu haben, den ihn auch nur der Zufall wählen ließ, und sich nur durch die Vorstellung seiner Pflicht und die Bewunderung seines großen Königs mit demselben versöhnt zu haben. Dieser Streit seines Schicksals mit seinen Wünschen, welche auf Ruhe gerichtet waren, verbunden mit einer unglücklichen Liebe, die sich im J. 1738 entspann, hat ihn auch vielleicht zum Dichter gemacht (in dem Sinne, in welchem sich diese Worte ohne Unsinn sagen lassen), oder doch seinen Gedichten den Hauptcharakter der saufteu Schwermuth, der in ihnen herrscht, aufgedrückt. Sein ältestes Gedicht ist an seinen Schulfreund, den Rittmeister Adler, i. J. 1739 geschrieben. Nicht leicht machte ein Deutsches Gedicht, und zwar von einem noch unbekannten Verfasser, ein so schnelles Glück als sein Frühling, welcher zuerst i. J. 1749 bloß für die Freunde des Verfassers gedruckt wurde. Kleist hatte ein sehr glückliches Talent, Gegenstände der sichtbaren Natur zu schildern, wozu seine täglichen einsamen Spazirgänge viel beitrugen, die er seine poetische Bilderjagd nannte. Im J. 1757 wurde Kleist Obrist-Wachmeister bei dem Hausenschen-Regiment, welches von Halle nach Leipzig in Garnison kam. In Leipzig erwarb er sich Gellerts und Weißeʼs vertrau-
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ten Umgang. Nach der Roßbacher Schlacht übertrug der König Kleisten die Aufsicht über das Leipziger große Lazareth. Im Jahr 1759 focht er unter dem Prinzen Heinrich in der Kunnersdorfer Schlacht, erhielt zwölf starke Contusionen und wurde in die beiden ersten Finger der rechten Hand verwundet, so daß er den Degen in der linken halten mußte. Er hatte mit seinem Bataillon bereits drei Batterien erobert, führte es gegen die vierte an, wurde durch eine Kugel in den linken Arm verwundet, nahm den Degen wieder in die verwundete rechte Hand, drang weiter vor, und war noch 30 Schritte von dieser letzten Batterie, als ihm durch einen Kartätschenschuß das rechte Bein zerschmettert wurde. Er wurde hinter die Fronte getragen; ein Feldscher wollte ihn eben verbinden, als derselbe in den Kopf geschossen wurde. Bald darauf kamen Kosaken, zogen ihn nackend aus und warfen ihn in einen Sumpf. In der Nacht fanden ihn einige Russische Husaren, zogen ihn aufs Trockne und bedeckten ihn mit einem Mantel. Einer von ihnen wollte ihm einen halben Gulden geben: Kleist weigerte sich ihn anzunehmen; aber der Husar warf das Geld mit eben dem edlen Unwillen auf den Mantel, womit er ihn bedeckt hatte, und ritt davon. Die Kosaken kamen am Morgen wieder und beraubten ihn nochmahls. Gegen den Mittag ließ ihn ein Russischer Offizier, der gegen Mittag vorbei ging und dem er sich entdeckte,
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nach Frankfurt an der Oder bringen. Eilf Tage nach der Schlacht trennten sich die zerschmetterten Knochen und zerrissen eine Pulsader; er starb an einer Verblutung den 24. August 1759. Sein Freund Utz hat ihm ein würdiges Grablied gesungen, und Nicolai durch das Chrengedächtniß, das er ihm schrieb, das erste Beispiel einer guten Deutschen Biographie geschrieben. Durch seine Talente und seinen vortrefflichen Charakter hatte sich Kleist nicht nur die Freundschaft der besten Köpfe seiner Nation erworben, sondern auch jeder gebildete Deutsche zollte ihm Bewunderung; und sein Name wird in der Deutschen Literatur, welche er zuerst mit bilden half, unvergeßlich sein.
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Ansicht: Kleist, Ewald Christian von