Meyers Großes Taschenlexikon in 25 Bänden
Nationalitätenfrage
Nationalitätenfrage,Bez. für polit., wirtsch.-soziale und kulturelle Probleme, die sich aus dem Zusammenleben versch. (Teil-)Nationen in einem Staat ergeben. Die N. spielt v. a. in Vielvölkerstaaten eine große Rolle, aber ebenso in Nationalstaaten, in denen nat. Minderheiten polit. Mitbestimmung und Autonomierechte (z. B. Recht auf Verwendung der eigenen Sprache) fordern. - Die N. entwickelte sich mit dem Verständnis von Staat und Gesellschaft als Nation. In Staaten mit Gruppen unterschiedl. Selbstverständnisses entstand, bes. seit dem 19. Jh., die Notwendigkeit einer Nationalitätenpolitik, deren Maßnahmen sowohl Gewährung von Autonomierechten als auch Unterdrückung (Vernichtung, Ausweisung) von Nationalitäten und diskriminierende oder gewaltsame Assimilation umfassen kann.
Im 19. und frühen 20. Jh. erlangte die N. mit dem beginnenden Freiheitskampf der unterdrückten Völker besondere Brisanz in Mittel-, O- und SO-Europa sowie auf der Arab. Halbinsel. Im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn (1867-1918) misslangen alle Versuche, die N. in den beiden Reichshälften (Zis- und Transleithanien) zu lösen; nach seinem Zerfall 1918 entstanden auf seinem Boden mit den Pariser Vorortverträgen 1919/20 drei Nachfolgestaaten; das dabei proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde allerdings durch die Grenzziehungen seitens der Ententemächte verletzt, und neue Minderheitensituationen entstanden (u. a. Sudetendeutsche in der Tschechoslowakei, Ungarn in Rumänien, der Slowakei, Karpatoukraine und Wojwodina). - Auch das Osman. Reich (um 1300-1918/23) vermochte keine erfolgreichen Ansätze zur Lösung der N. auf dem Balkan (Balkankriege) sowie gegenüber den Arabern zu entwickeln: Vor und während des Ersten Weltkrieges kam es zum Völkermord an den Armeniern; die Auflösung des Osman. Reiches führte im arab. Raum ebenfalls zur Entstehung neuer Nationalstaaten. Die Bemühungen der Kurden um Anerkennung ihrer nat. Identität blieben erfolglos. - Neben versch. anderen europ. nat. Konflikten entstanden v. a. durch die Veränderungen im Gefolge des ZweitenWeltkrieges neue Krisenherde. - Die mit der Beendigung des Ost-West-Konflikts und dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989/91 einhergehenden neuen nat. Eigenentwicklungen führten zu zunehmenden Spannungen (z. B. im Zweivölkerstaat Tschechoslowakei). Im Vielvölkerstaat Jugoslawien brachen die nat. Gegensätze nach der Phase der kommunist. Herrschaft wieder auf. Nach seinem Zerfall kam es ab 1991/92 zu krieger. Auseinandersetzungen um die Findung eigener nat. Identität und um die Schaffung homogener ethn. Siedlungsgebiete (Nationalitätsprinzip). Bes. in Bosnien und Herzegowina (1992-95) und in der serb. Prov. Kosovo (ab 1998/99) eskalierte sie in einem blutigen Bürgerkrieg. - Im zarist. Russland war die N. weitgehend unbeachtet geblieben; die v. a. durch Eroberungen seit dem 17.-19. Jh. dem Russ. Reich angeschlossenen nichtruss. Völker (z. B. Polen, Ukrainer, Finnen, Balten) waren, in Verbindung mit dem Panslawismus, häufig einer brutalen Russifizierungspolitik unterworfen worden. Nach dem Sturz des Zaren und der Errichtung eines kommunist. Staates auf föderativer Grundlage (1922 als Sowjetunion konstituiert) fand die N. zwar durch die Gewährung der Autonomie (in unterschiedl. Form) für die einzelnen Völkerschaften Beachtung, wurde jedoch durch die Alleinherrschaft der (russisch dominierten) bolschewist. Partei, die gewaltsame Einführung einheitl. polit. und wirtsch. Verhältnisse sowie die Nivellierung der kulturell-ethn. Unterschiede weitgehend wieder aufgehoben und blieb damit formal. Unter Stalins Herrschaft (1924/27-53) kam es zur Deportation ganzer Nationalitäten aus ihrem Heimatgebiet (z. B. Wolgadeutsche, Krimtataren); in den wirtsch. Zentren nichtruss. Gebiete wurden Russen angesiedelt, die dort die wirtschaftlich-polit. Elite stellten. Im Rahmen der sowjet. Reformpolitik seit 1985 erlangte die in der UdSSR ungelöste N. erneut Aktualität mit der (Neu-)Formierung von Autonomie- und Unabhängigkeitsbewegungen. Jahrzehntelang aufgestaute Nationalitätenprobleme zw.oder innerhalb der Unionsrepubliken entluden sich in blutigen, oft bürgerkriegsähnl. ethnischen Konflikten (z. B. zw. Armeniern und Aserbaidschanern, zw. Georgiern und Abchasen sowie Südosseten) und erschütterten die Sowjetunion, die mit den Unabhängigkeitserklärungen der Unionsrepubliken und der Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) 1991 ihr Ende fand. - Zur N. in Afrika Apartheid, Tribalismus.
Literatur:
V. Heuberger Nationen, Nationalitäten, Minderheiten. Probleme des Nationalismus in Jugoslawien, Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei, Bulgarien, Polen, der Ukraine, Italien u. Österreich 1945-1990, hg. v. u. a. Wien 1994.
Singer, R.: Stichwort Nationalitätenkonflikte. München 1995.
Sie können einen Link zu dem Wort setzen

Ansicht: Nationalitätenfrage