Meyers Großes Taschenlexikon in 25 Bänden
Kambodscha
Kambọdscha Fläche: 181 035 km2
Einwohner: (1995) 10,251 Mio.
Hauptstadt: Phnom Penh
Verwaltungsgliederung: 18 Provinzen und 2 provinzfreie Städte
Amtssprache: Khmer
Nationalfeiertage: 24. 9. und 9. 11.
Währung: 1 Riel (CR) = 10 Kak = 100 Sen
Zeitzone: MEZ + 6 Std.
(amtlich Khmer: Preah Reach Ana Pak Kampuchea; dt. Königreich K.), Staat in SO-Asien, im südl. Hinterindien; grenzt im W und NW an Thailand, im NO an Laos, im O und SO an Vietnam, im SW an den Golf von Thailand.
Staat und Recht: Nach der Verf. vom 21. 9. 1993 ist K. eine konstitutionelle Monarchie mit Mehrparteiensystem. Staatsoberhaupt, Oberbefehlshaber der Streitkräfte sowie Vors. des Nat. Verteidigungsrats ist der auf Lebenszeit vom Thronrat gewählte König. Gesetzgebendes Organ ist die Nationalversammlung (120 Abg., für 5 Jahre gewählt). Ende 1998 wurde der Senat als zweite Kammer des Parlaments geschaffen. Die Exekutive liegt bei der Reg. unter Vorsitz des Premiermin.s, der vom König auf Empfehlung des Präs. der Nationalversammlung ernannt wird. Wichtige polit. Parteien sind die monarch. FUNCINPEC, die Kambodschan. Volkspartei (CPP) und die Buddhist. Liberale Demokrat. Partei (BLDP).
Landesnatur: K.s Kernland wird von dem fruchtbaren Mekong- und Tonle-Sap-Becken gebildet, das im W, N und O von bis zu 1 500 m ü. M. aufsteigenden Randgebirgen, im S vom Mekongdelta begrenzt wird. Im SW verläuft die flache und buchtenreiche Küste des Golfs von Thailand, in dessen Nähe das Kardamomgebirge bis 1 744 m ü. M. ansteigt. Im flachen Landesinneren liegt der bei Hochwasser mit dem Mekong verbundene See Tonle Sap, dessen Fläche jahreszeitlich stark schwankt. Das Klima ist tropisch (Regenzeit Juni-November); etwa die Hälfte des Landes ist bewaldet (Regenwald, lichter Monsunwald); an der Küste kommt Mangrove vor.
Bevölkerung: Genaue Angaben zur Bev. lassen sich auch Jahre nach dem blutigen Bürgerkrieg und dem Terrorregime der Roten Khmer nicht machen. Schätzungsweise 85-93 % der Bev. sind Angehörige des Khmervolkes; andere ethn. Gruppen, die vor 1975 etwa 15 % der Bev. ausmachten, wurden zw. 1975 und 1979 zus. mit den Intellektuellen von den Roten Khmer umgebracht, vertrieben oder, in Genossenschaften von den übrigen Khmer abgesondert, in den NW zur Bewirtschaftung der Reisfelder zwangsweise umgesiedelt. Rd. 300 000 Flüchtlinge konnten sich nach Thailand retten. Am dichtesten besiedelt ist die Mekongebene. Das jährl. Bev.wachstum betrug zw. 1981 und 1991 2,4 %. - Es besteht Schulpflicht vom 6. bis 11. Lebensjahr; die Univ. in Phnom Penh wurde 1988 wieder eröffnet. - Der Hinajana-Buddhismus ist heute Staatsreligion; die Cham und Malaien bekennen sich zum sunnit. Islam, die meisten im Lande lebenden Vietnamesen sind Christen. Bei den in den Gebirgen lebenden Bergstämmen hatten sich Stammesreligionen erhalten.
Wirtschaft, Verkehr: Nach dem Sieg der Roten Khmer 1975 wurde die Wirtschaft des Landes weitgehend ruiniert (u. a. Zerstörung der Landwirtschaft und der Infrastruktur, Einführung der Natural- und Tauschwirtschaft). Auch nach dem Bürgerkrieg verhinderten die anhaltenden Kämpfe einen kontinuierl. Wiederaufbau. In dem ausgeprägten Agrarland arbeiten 80 % der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft. Auf rd. 70 % der Ackerfläche wird Reis (Hauptanbaugebiete am Tonle Sap und Mekong) kultiviert, daneben bestehen Kautschukpflanzungen (im O) sowie Anbau von Mais, Zuckerrohr, Maniok, Bananen, Tabak und Pfeffer. Der Reichtum an Edelhölzern in den Randgebirgen wird wegen unzureichender Erschließung nur z. T. genutzt (Teak, Mahagoni, Ebenholz). Der Tonle Sap wird jedes Jahr mit dem Sinken des Wasserspiegels fast ganz abgefischt; auch Küstenfischerei. Es gibt wenig Bodenschätze; im N Eisenerzlager; Vorkommen an Gold und Edelsteinen; Phosphat- und Meersalzgewinnung. Vorwiegend in Kleinbetrieben Herstellung von Textilien, Geräten und Werkzeugen sowie Verarbeitung von Agrarprodukten; Reifenproduktion (in Phnom Penh). Die Handelsbilanz ist extrem defizitär. - Das Verkehrswesen befindet sich in einem sehr schlechten Zustand. Hauptverbindungswege sind v. a. die Fernstraße (Straßennetz insgesamt 13 350 km, davon nur 20 % asphaltiert) und die 612 km lange Eisenbahnlinie, die von der thailänd. Grenze über Battambang und Phnom Penh zum einzigen Seehafen Kompong Som (Sihanoukville) führt. Die Binnenschifffahrt auf dem Mekong ist für den Güterverkehr der wichtigste Verkehrsträger. Internat. Flughafen bei Phnom Penh.
Geschichte: Im 6. Jh. eroberten die Khmer das unter ind. Einfluss gegr. Reich Funan im S Hinterindiens. Das unter Jayavarman II. (802-850) entstandene Khmerreich mit der Hptst. Angkor (seit 889) erlebte im 12. Jh. und Anfang des 13. Jh. den Höhepunkt seiner Macht und zugleich eine Zeit höchster kultureller Blüte. Nach wiederholter Eroberung und der Zerstörung Angkors durch die Thai wurde die Hptst. 1434 nach Phnom Penh verlegt. Vom 17. bis 19. Jh. Streitobjekt zw. Thai und Vietnamesen, schloss K. 1863 einen Protektoratsvertrag mit Frankreich und wurde 1887 Indochina einverleibt. Nachdem japan. Streitkräfte 1941 ganz Indochina besetzt hatten, rief König Norodom Sihanouk (1941-55) im März 1945 die Unabhängigkeit aus, unterstellte das Land aber nach der japan. Kapitulation erneut Frankreich. 1949 erhielt das Königreich den Status eines assoziierten Staates innerhalb der Frz. Union. Im Indochinakrieg (1945/46-54) unterstützten antifrz. Guerillaeinheiten (bes. die Khmer Issarak) die Vietminh in Vietnam. Auf der Genfer Indochinakonferenz erhielt K. 1954 die volle Unabhängigkeit.1955 dankte Norodom Sihanouk zugunsten seines Vaters ab, ließ sich zum MinPräs. ernennen und wurde 1960 Staatspräs. V. a. wegen seiner Neutralitätspolitik wurde er 1970 durch eine proamerikan. Gruppe unter General Lon Nol gestürzt und ging ins Exil nach China. Sihanouks Anhänger und die kommunistisch orientierten Roten Khmer führten einen erbitterten Bürgerkrieg gegen die Reg. Lon Nol, der mit der Einnahme von Phnom Penh durch die Truppen der Roten Khmer am 17. 4. 1975 entschieden wurde (Proklamation des »Demokrat. Kampuchea«). Der 1975 nach K. zurückgekehrte Sihanouk trat nach einer radikalen Umgestaltung von Staat und Gesellschaft im April 1976 als Staatschef zurück. Nachfolger wurde Khieu Samphan, MinPräs. Pol Pot, stellv. MinPräs. (mit Zuständigkeit für die Außenpolitik) Ieng Sary. Die Roten Khmer unterwarfen das Land einem radikalen gesellschaftl. Umformungsprozess, der auf die Schaffung primitiver agrarkommunist. Verhältnisse gerichtet war: Die Bewohner der Städte wurden auf das Land zwangsumgesiedelt und gemeinsam mit dem dort lebenden Bev.-Teil in Kooperativen vereinigt, wo man sie als rechtlose Arbeitssklaven in der Landwirtschaft einsetzte (Tod vieler auf den »Killing Fields«). Insbesondere Angehörige von Armee und Polizei, Beamte, Intellektuelle und der buddhist. Klerus waren grausamer Verfolgung ausgesetzt und wurden ermordet. Darüber hinaus schafften die Roten Khmer das Geld ab und zerstörten die kulturellen und religiösen Einrichtungen. Es entwickelte sich ein Terrorregime, dem etwa 2 Mio. Menschen (v. a. durch Hunger, Krankheit und Massenhinrichtungen) zum Opfer fielen. Vietnam unterstützte die Gegner der Reg. Pol Pot innerhalb der kommunist. Führungsschicht K.s, die im Dez. 1978 unter Führung von Heng Samrin die »Einheitsfront für die nat. Rettung K.s« gründeten. Nach dem Einmarsch vietnames. Truppen in K. (Dez. 1978-Jan. 1979; Fall von Phnom Penh am 7. 1.) und dem Sturz der Roten Khmer übernahm am 8. 1. 1979 ein von Vietnam unterstützter »Revolutionärer Volksrat« unter Heng Samrin (1979-81 Reg.-Chef und 1979-91 Staatschef) die Macht und rief am 10. 1. 1979 die »VR Kampuchea« aus. Das neue Reg.-System wurde jedoch nur von den Staaten des Ostblocks und wenigen Ländern der Dritten Welt (z. B. Indien) anerkannt. Die UNO unterstützte zunächst das im Exil weiter bestehende gestürzte Reg.-System als legitimen Vertreter des kambodschan. Volkes, ebenso die VR China, die im Febr./März 1979 im Sinne einer »Strafexpedition« (für die Besetzung K.s) einen Grenzkrieg gegen Vietnam führte. Die (v. a. aus den Dschungelgebieten an der Grenze zu Thailand heraus operierenden) Roten Khmer verwickelten das neue Regime in einen blutigen Bürgerkrieg. Im Juni 1982 bildete Sihanouk eine Exilreg. unter Einschluss der Roten Khmer. In die Kämpfe zw. den von vietnames. Streitkräften unterstützten Reg.truppen und den Guerillaeinheiten wurde in wachsendem Maße Thailand verwickelt, in dessen Grenzgebiet mehrere von den Roten Khmer beherrschte Flüchtlingslager entstanden waren. 1989 zog Vietnam seine Truppen aus K. zurück. Durch eine Verfassungsänderung im selben Jahr erfolgte die Umbenennung des Landes in »Staat K.«, der sich für blockfrei erklärte. Internat. Schlichtungsbemühungen seit 1989 (K.-Konferenzen) führten im August 1990 zu einem Friedensplan für K. (Kernpunkte: Waffenstillstand, Entwaffnung der Bürgerkriegsparteien, Übergangsverwaltung durch die UNO und von ihr überwachte freie Wahlen). Am 23. 10. 1991 schlossen die vier kambodschan. Konfliktparteien ein Friedensabkommen in Paris. Im selben Monat gab die kommunist. Staatspartei ihr Machtmonopol auf (Umbenennung in Kambodschan. Volkspartei). Im Nov. 1991 kehrte Sihanouk nach K. zurück und trat das Amt des Staatsoberhaupts (Vors. des Obersten Nationalrats) an. Zur Sicherung der Friedensordnung und des Wiederaufbaus nahm im März 1992 die UNO-Übergangsverw. UNTAC (United Nations Transitional Authority in Cambodia) mit insges. 22 000 Mitarbeitern (davon rund 16 000 Blauhelme) ihre Tätigkeit auf. Die Roten Khmer widersetzten sich der Entwaffnung ihrer Truppen, brachen wiederholt den Waffenstillstand und boykottierten die Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung im Mai 1993, die die Sihanouk nahe stehende FUNCINPEC gewann. Am 24. 9. 1993 endete mit In-Kraft-Treten der neuen monarchist. Verf. und der Thronbesteigung durch Sihanouk formell das Mandat der UNTAC.
Im Okt. 1993 wurde Prinz Ranariddh (FUNCINPEC) Erster Premiermin., Hun Sen (Kambodschan. Volkspartei) Zweiter Premiermin. Seit Anfang 1996 verschärften sich die Spannungen zw. beiden Koalitionspartnern; Anfang Juli 1997 setzte Hun Sen Ranariddh ab und übernahm die Macht; aus den Wahlen vom 26. 7. 1998 ging seine Partei als stärkste Kraft hervor (ab Nov. 1998 Hun Sen offiziell alleiniger Premiermin., Ranariddh wurde Präs. der Nationalversammlung).1996/97 zerfielen die Roten Khmer weitgehend; die übrig gebliebenen Rebellengruppen kapitulierten Ende 1998 (im März 1999 Festnahme des letzten Guerillakommandanten Ta Mok durch Regierungssoldaten).
Literatur:
Thürk, H.: Der Reis u. das Blut. K. unter Pol Pot. Berlin (Ost) 1990.
Frieden für K.? Entwicklungen im Indochina-Konflikt seit 1975, hg. v. P. J. Opitz. Frankfurt am Main u. a. 1991.
Chandler, D. P.: A history of Cambodia. Boulder (Colo.) 21992.
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