Meyers Großes Taschenlexikon in 25 Bänden
Juden
Juden[hebr. jehudi], im A. T. Bez. der Angehörigen des Stammes bzw. der Bewohner des Südreiches Juda (»Judäer«; z. B. 2. Kön. 16, 6); nach der Babylon. Gefangenschaft zunächst Bez. für die Angehörigen des Volkes Israel insgesamt, in der späteren Diaspora auch jüd. Selbstbezeichnung. Seit dieser Zeit ist »Jude« ethn. und religiöser Begriff zugleich und beschreibt die Angehörigen des jüd. Volkes und die dem jüd. Religionsgesetz verpflichteten Bekenner des einen Gottes Jahwe. Nach rabbin. Verständnis ist Jude, wer von einer jüd. Mutter abstammt oder »rite« (nach orth. Norm) zum Judentum übergetreten ist. Während liberale jüd. Kreise der Gegenwart das Judentum lediglich als Religionsgemeinschaft verstehen, halten die in Israel dominierenden konservativ-orth. Kreise (v. a. die durch den Zionismus geprägten) an der traditionellen Einheit von jüd. Volk und Religion fest.Ethnisch verstehen sich die J. als Nachkommen Abrahams, theologisch als Träger der von Gott gegebenen Verheißung (1. Mose 17). Von den heute (1999) weltweit über 14 Mio. J. leben über 6,2 Mio. in Nordamerika (davon rd. 5,8 Mio. in den USA), rd. 4,7 Mio. in Israel, rd. 1,2 Mio. in den Ländern der EU (bes. in Frankreich und in Großbritannien) und etwa eine knappe Mio. in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (bes. in Russland und in der Ukraine); die jüd. Gemeinden in Dtl. zählen rd. 74 000 Mitgl. Seit der Kultzentralisation durch König Salomo bis zur Zerstörung des zweiten jüd. Tempels durch die Römer 70 n. Chr. - unterbrochen durch die Zeit der Babylon. Gefangenschaft 587/538 v. Chr. und die mit ihr verbundene Deportation der jüd. Oberschicht - war der Jerusalemer Tempel der alleinige Mittelpunkt und die Jerusalemer Tempelpriesterschaft der alleinige Träger der jüd. Religion. Religionsfragen wurden seit dem 2. Jh. v. Chr. dem jüd. Hohen Rat (Synedrion) als der obersten Behörde zur verbindl. Entscheidung vorgelegt. Nach der Zerstörung des Tempels und der Entstehung der weltweiten jüd. Diaspora wurde die (im Exil entstandene) Synagoge zum Mittelpunkt, die Pharisäer als Repräsentanten der jüd. Lehrtradition und -diskussion (Schriftgelehrte) wurden zum Träger der jüd. Religion. An die Stelle des Opferdienstes treten im rabbin. Judentum das Lesen und Vergegenwärtigen der Thora, deren kanon. Textgestalt als hebr. Bibel um 90 n. Chr. festgelegt wurde. Der bisher nur mündlich überlieferte, auf der Thora fußende jüd. Lehrstoff (Halacha) wurde in der Mischna als wichtigster Sammlung zusammengefasst und in den jüd. Akademien von Palästina und Babylonien kommentiert. Gesammelt und systematisiert in der Gemara niedergelegt, bilden die rabbin. Kommentare mit der Mischna den Talmud. Prägend für die myst. Richtung jüd. Denkens wurde seit dem 12. Jh. die Kabbala, von der wesentl. Impulse auf den späteren Chassidismus (Chassidim) ausgingen.Theologie: Das Judentum ist durch einen strengen Monotheismus gekennzeichnet. Grundlage der jüd. Religion ist das Bekenntnis zu dem einen Gott (Jahwe), dem der Mensch ohne Mittler gegenübersteht und der seinen Willen für die Menschen verbindlich in der Thora niedergelegt hat, deren zentrales Gebot das der Nächstenliebe ist (3. Mose 19, 18). Das Leben des »Frommen in Israel« ist nach Gottes Willen dazu bestimmt, ihm und seinen Mitmenschen zu dienen. Die Welt wird als gute Schöpfung Gottes verstanden, über die der Mensch gesetzt ist, sie »zu bebauen und bewahren« (1. Mose 2, 15). Am Ende der Zeiten wird der aus dem Geschlecht Davids stammende Messias das Reich Gottes als Reich des Friedens für die J. und die »Gerechten« aus allen Völkern aufrichten. Die jüd. religiöses Selbstbewusstsein begründenden bibl. Kernereignisse sind Gottes Bundesschluss mit Abraham und seine Verheißung an dessen Nachkommen (1. Mose 17), Israels Befreiung aus Ägypten (2. Mose 3 und 14) und Gottes Offenbarung und Israels Erwählung am Sinai (2. Mose 19). Dogmen und damit eine Dogmatik im eigentl. Sinn kennt das Judentum nicht. Kennzeichnend für das jüd. theolog. Denken ist die durch die Jh. ununterbrochene Diskussion und Interpretation der in Thora und Talmud vorgegebenen Tradition durch die versch. rabbin. Schulen. Die jüd. Orthodoxie sieht dabei neben der Thora als der wörtl. Offenbarung Gottes auch den Talmud als von Gott geoffenbart und damit in seinem Gesetzesbestand unveränderlich an, während das Reformjudentum in ihm den von jeder Generation neu unternommenen Versuch sieht, die Thora im jeweils konkreten histor. und soziokulturellen Lebensumfeld der Gemeinde auszulegen. Grundlegend für den reformjüd. Denkansatz ist die Interpretation des Judentums als eth. Monotheismus, dessen höchster Wert die Gerechtigkeit und das aus ihr folgende gerechte menschl. Handeln ist. Die Gründung des »weltl.« Staates Israel ist für das gesamtjüd. (religiöse) Denken Grund zu einer Neubesinnung auf das Verhältnis der J. (bes. des Diasporajudentums) zum »verheißenen Land«. Orthodox-nationalreligiöse Kreise in Israel übten dabei seit dem Sechstagekrieg (1967) in versch. Reg. nicht unbeträchtl. Einfluss auf die Politik des Staates Israel aus (Siedlungspolitik). Zum modernen jüd. theolog. und religionsgeschichtl. Denken: L. Baeck; M. Buber; F. Rosenzweig; H.-J. Schoeps; G. G. Scholem; E. Wiesel.Religiöses Leben: Jüdisches religiöses Leben und Frömmigkeit sind bestimmt durch die Elemente Gebet, Heiligung des Sabbat, Synagogalgottesdienst mit Lesung und Auslegung der Thora und Propheten, besondere Fasten-, Reinheits-, Speisengesetze (Schächten) und Wohltätigkeit. Der jüd. Jahreskreis wird durch religiöse Feste markiert, in denen Ereignisse der Heilsgeschichte Israels im Glauben vergegenwärtigt werden. An die Befreiung aus Ägypten, die Wüstenwanderung und die Gottesoffenbarung am Sinai erinnern die Feste Pessach (Passah), Sukkoth (Laubhüttenfest) und Schawuot (Wochenfest); an die Wiedereinweihung des Tempels und die Rettung der pers. Juden nach Est. 9, 20-32 das Fest Chanukka und das Purimfest. Das jüd. Jahr wird eingeleitet durch das Neujahrsfest Rosch-ha-Schana; höchster Feiertag ist der Versöhnungstag (Jom Kippur). Die jüd. Zeitrechnung (Kalender) hat ihren Anfangspunkt in der Weltschöpfung. Das Jahr 1993 gregorian. Zeitrechnung entspricht dem Jahr 5753 jüd. Zeitrechnung. Jüd. Glaubensbekenntnis und Hauptgebet ist das »Höre Israel« (Schema Israel); die Aufnahme in die jüd. Gemeinde erfolgt durch die Bar-Mizwa. Der Rabbiner ist v. a. Lehrer und Prediger der Gemeinde und entscheidet religionsgesetzl. Fragen. Träger des religiösen Lebens ist die Gemeinde, die in der Gestaltung ihres religiösen und sozialen Lebens selbstständig ist. Eine oberste autoritative Instanz in Glaubensfragen und Sakramente kennt das Judentum nicht.
Geschichte Frühgeschichte: Israels Frühgeschichte ist nur begrenzt rekonstruierbar. Außerbibl. Quellen sind spärlich, die bibl. Texte (im A. T.) enthalten eher Geschichtsdeutung als zeitgenöss. Material. - Nach der Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft setzten die Heimkehrer in die pers. Provinz Juda ihre Auffassung von Religion gegen die nicht deportierte und z. T. mit Fremden vermischte Landesbev. durch (diese gründete die Religionsgemeinschaft der Samaritaner) und orientierten sich streng an der Thora; an der Spitze der nach ihr verwalteten theokrat. Ordnung standen Hohepriester und Synedrion. 332 v. Chr. wurde Judäa dem Reich Alexanders d. Gr. angegliedert; 198 v. Chr. geriet es unter die Oberhoheit der Seleukiden. Unter Führung der Makkabäer (Hasmonäer) erlangte Juda wieder Religionsfreiheit (164 v. Chr.) und polit. Souveränität (141 v. Chr.). Nach schweren inneren Kämpfen büßte die Makkabäerdynastie ihre polit. Macht ein. Pompeius eroberte 63 v. Chr. Jerusalem, und nach einer Übergangsphase etablierte sich Herodes I., d. Gr., als röm. Vasallenkönig (37-4 v. Chr.). Der Kampf der Zeloten gegen die röm. Herrschaft führte 66 n. Chr. zum 1. jüd. Krieg, den die Römer erst 70 mit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels entscheiden konnten.Talmud. Zeit (70 bis etwa 640): Nach der Niederlage von 70 begann die Zeit der Zerstreuung (Diaspora) über Asien, Afrika und Europa; das palästinens. Judentum organisierte sich neu. 132-135 kam es unter Bar Kochba noch einmal zu einer vergebl. Erhebung gegen Rom. Doch wurde dem Judentum eine Selbstverw. eingeräumt, bestehend aus dem Synedrion unter Vorsitz des Nasi (Patriarch), des jüd. Oberhauptes im Röm. Reich. Um 200 entstand die Mischna. Die auf ihr aufbauende religionsgesetzl. Tradition fand im 5. und 6. Jh. im Talmud ihren schriftl. Niederschlag. Mit seinen großen Talmudschulen übernahm vom späten 3. Jh. an das babylon. Judentum die Führungsrolle.MA. und frühe Neuzeit: Das babylon. Judentum ging zw. 630 und 640 intakt in das Kalifenreich über. Durch engen Kontakt zur islam. Umwelt entstand eine an der antiken Philosophie orientierte jüd. Theologie und Philosophie, eine hebr. Sprachwiss. und Poetik. - In der christl. (europ.) Welt ergaben sich für die J. handelskolonisator. Möglichkeiten, doch ging seit dem Einsetzen der Kreuzzüge, die Verfolgungen (seit 1215 Festlegung von Sondertrachten und Judenabzeichen) und Vertreibungen (in Dtl. z. B. 1348/50 anlässlich der Pest; aus England 1290, aus Frankreich 1306 und 1394) mit sich brachten, der Fernhandel mehr und mehr in nichtjüd. Hände über. So blieben den J. v. a. die in der Umwelt verfemten Berufssparten, etwa der Geldhandel (»Wucher«). - Seit der Vollendung der Reconquista 1492 und der Vertreibung der J. aus Spanien und Portugal (1496; Entstehung der Sephardim) verlagerte sich das Schwergewicht des europ. Judentums nach O-Europa (Polen). Aus den Aschkenasim entstand im 18. Jh. das Ostjudentum mit seiner lange Zeit das - in Westeuropa auch negative - Bild des Judentums prägenden Kultur: strenge Frömmigkeit, traditionell festgelegte Kleidung und Haartracht, Leben im »Schtetl«. Dem auch im Judentum aufkommenden Rationalismus versuchten die Kabbala und später der osteurop. Chassidismus (Chassidim ) zu begegnen.18. bis 20. Jahrhundert:Die Erschütterung durch den Sabbatianismus (Sabbatai Zwi) bereitete im Judentum Mittel- und W-Europas den Boden für die Aufklärung (Haskala), deren Ziele (Regeneration der hebräischen Sprache und Lit., gegenwartsbezogene Erziehung, Assimilation) jedoch nicht ohne innerjüd. Widerstand blieben. Nach den judenfeindl. Pogromen von 1881/82 resignierten die Aufklärer; ihr Erbe trat z. T. die aufkommende palästinaorientierte nat. Bewegung an, die gewisse Autonomiehoffnungen für das Judentum hegte. 1917 unterstützte die brit. Reg. den Zionismus (Balfour-Deklaration) und sagte ihre Unterstützung beim Aufbau einer »nat. Heimstätte« in Palästina zu, das 1920 brit. Mandatsgebiet wurde. - Die Vernichtung eines Drittels des gesamten Judentums während der nat.-soz. Judenverfolgung (Holocaust, hebr. Schoah) bestärkte die zionist. Bewegung. Die Pioniergesellschaft des jüd. Palästina (Jewish Agency for Palestine) und der 1948 nach UN-Beschluss gegründete Staat Israel boten die Möglichkeit der freien Selbstentfaltung und der Selbstbestimmung. Dennoch vermag Israel nur einen Teil der J. aufzunehmen; für die Einwanderung wirkt die 1948 geschaffene Jewish Agency for Israel. - Das Judentum der Gegenwart wird heute in Erscheinung und Entwicklung von den J. Israels und den J. in den USA (organisiert in vier Denominationen) bestimmt. Im Mai 1991 übersiedelten die letzten 15 000 »Schwarzen J.« (Falascha) aus Äthiopien nach Israel. Dachorganisation der J. in 70 Ländern ist der World Jewish Congress; analog existiert der Europ. Jüd. Kongress und der Zentralrat der Juden in Deutschland. (Israel, Geschichte)
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