Meyers Großes Taschenlexikon in 25 Bänden
Galizien
Galizi|en,histor. Landschaft auf der nördl. Abdachung und im Vorland der Karpaten, gehört in ihrem westl. Teil zu Polen, im östl. zur Ukraine. Westgalizien umfasst das Gebiet zw. der Poln. Platte im N und den Karpaten im S, Ostgalizien das Flusstal des oberen Dnjestr und die Podol. Platte.
Geschichte: Bis 1772 bildete das Gebiet G. keine politisch-territoriale Einheit. Mit der Namengebung Königreich G. und Lodomerien knüpfte Österreich an die mittelalterl. Geschichte des Ostteils von G., des Fürstentums Galitsch (Halitsch, latinisiert Galicia) am Dnjestr, an. Dieses löste sich Mitte des 11. Jh. vom Kiewer Reich und wurde 1199 mit dem Fürstentum Wladimir (Wolhynien) vereinigt. Nach 1205 erhoben Polen und Ungarn Ansprüche (der ungar. König führte den Titel »rex Galiciae et Lodomeriae«), doch konnten die Teilfürstentümer, die aus der im 13. Jh. zerfallenen galizisch-wolhyn. Herrschaft hervorgegangen waren, ihre Selbstständigkeit bis 1340/49 bewahren. 1387 gewann Polen das Fürstentum Galitsch als Reußen (regnum Russiae), die ungar. Königstitulatur blieb aber bestehen und diente Österreich bei der 1. Poln. Teilung (1772) als Vorwand für seine Ansprüche, obwohl es weite Gebiete Kleinpolens besetzte, die nie zu G. gehört hatten. Die Verwaltung des Königreichs (seit 1849 meist Kronland) erfolgte zentralistisch, ohne Rücksicht auf die ethn. Unterschiede (45 % Ukrainer, 47 % Polen, 6 % Juden). Joseph II. siedelte rd. 5 000 dt. Familien (zumeist Protestanten aus der Pfalz) im ukrain. Ost-G. an. Territoriale Veränderungen brachten der Anschluss »West-G.« (Kielce, Lublin, 1795 bis 1809) aus der 3. Teilung Polens (1795), der zeitweilige Verlust des Kreises Tarnopol an Russland (1809-15) und der Erwerb des Freistaats Krakau 1846.
Ein polnisch-nat. Aufstand im Frühjahr 1846 wurde rasch niedergeschlagen. Nach 1849 begann eine allmähl. Polonisierung der Verwaltung, die 1868 zur weitgehenden Selbstverw. mit poln. Unterrichts- und Amtssprache, poln. Statthalter und Min. für G. in Wien führte und auch ein reges geistiges Leben ermöglichte (zwei poln. Univ. in Lemberg und Krakau). Wirtschaftlich stagnierte das rein agrar. Land (deshalb starke Auswanderung in die USA). 1918 annektierte das neu entstandene Polen G.; im ukrain. Ostteil kam es deswegen zu blutigen Auseinandersetzungen.
Literatur:
Dohrn, V.: Reise nach G. Grenzlandschaften des alten Europa. Neuausg. Frankfurt am Main 1993.
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