Wörterbuch der deutschen Umgangssprache
Tinte
Tinte f \
1. Ungelegenheit, Widerwärtigkeit, Notlage. Als gefärbte Flüssigkeit steht Tinte hier in Analogie zu » Dreck«, » Patsche« u. ä. 1500 ff.
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1 a. Malzkaffee. Häftlingsspr. 1970 ff.
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2. alles hohle Tinte = Redewendung, wenn einer merkt, daß alles Vorspiegelung ist. Das Gemeinte ist eine Redensart in gefälliger Form, aber von nichtigem Inhalt; es ist »Tintendeutsch« ohne Gehalt. 1960 ff, BSD .
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3. rote Tinte = Blut. Rotw 1930 ff.
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4. klar wie (dicke) Tinte = völlig einleuchtend. Der Zusatz ist iron gemeint. Laut Mitteilung von Dr. Horst Gravenkamp führt Arthur Schopenhauer die Redewendung auf das Franz zurück: »c'est clair comme la bouteille à l'encre«. Seit dem frühen 19. Jh.
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5. jn in die Tinte bringen = jn in Ungelegenheiten bringen. Tinte 1. Seit dem 19. Jh.
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6. die Tinte ist eingetrocknet: Redewendung, mit der man die Schreibfaulheit entschuldigt. 1920 ff.
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7. jn in die Tinte führen = jn ins Unglück bringen; an jds Unglück schuldig sein. Tinte 1. Seit dem
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18. Jh.
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8. in die Tinte geraten (fallen, kommen) = in eine unangenehme, schlimme Lage geraten. Tinte 1. 1700 ff.
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9. jm aus der Tinte helfen = jm aus der Ungelegenheit aufhelfen. 1800 ff.
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10. die Tinte nicht halten können = dem Drang zu dichten nicht widerstehen können; den Drang verspüren, über alles und jedes (ein Gedicht) zu schreiben; lange Zeitungsaufsätze (Leserbriefe) von minderer Güte schreiben. Solch ein Drang ist ebenso stark wie der Harndrang. Seit dem 18. Jh.
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10 a. aus der Tinte kommen = sich aus einer mißlichen Lage befreien. Seit dem 19. Jh.
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11. jn in die Tinte reinreiten = jn in eine üble Lage versetzen. Tinte 1; reinreiten 1. 1800 ff.
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12. du hast wohl Tinte gesoffen?: Frage an einen, der Unsinn schwätzt. Hat nichts mit der Schreibtinte zu tun, sondern mit dem »vino tinto« (= schwerer Rotwein), den die Rheinbundtruppen 1808 in Spanien kennenlernten; unverdünnt durfte man ihn nicht trinken, weil er zu rasch betrunken machte. Etwa seit 1830.
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13. mit roter Tinte schreiben = ein Verlustgeschäft machen. Debetzahlen werden in der Buchführung rot gekennzeichnet. 1920 ff.
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14. in die Tinte segeln = in eine böse Lage geraten. Tinte 1. 1900 ff.
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15. sich in die Tinte setzen = sich in eine unangenehme Lage bringen; einem folgenschweren Irrtum erliegen. Seit dem 19. Jh.
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16. in der Tinte sitzen (sein, stecken) = sich in schlimmer Lage befinden. Tinte 1. 1500 ff.
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17. in der dicken (dicksten, allerdicksten) Tinte sitzen = sich in sehr übler Lage befinden. Sold in beiden Weltkriegen.
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18. jn in der Tinte sitzen lassen = jds Notlage nicht berücksichtigen. Seit dem 19. Jh.
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19. sich mit Tinte waschen = ein Vergehen mit der Straftat anderer zu entschuldigen suchen. Berlin 1870 ff.
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20. jn aus der Tinte ziehen = jm aus der Verlegenheit helfen. Seit dem 19. Jh.
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21. sich aus der Tinte ziehen = sich aus einer üblen Lage befreien. Seit dem 19. Jh.
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