Hermann Paul - Deutsches Wörterbuch
Zigeuner
(1418; W.L244 Wolfgang Pfeifer, Zigeunerin 1494; L059 DWb) bis ins 18. Jahrhundert in zahlreichen ⇓ "S146" Nebenformen, z. B. Ziguner, Ziginer, Zigäner; wohl über das Slawische (vgl. slowak. cigán, rumän. tigan, ungar. cigány) zurückgehend auf gleichbedeutend mittelgriech. tsínganos, dieses wahrscheinlich zu dem mittelgriechischen Namen der ketzerischen Sekte Athínganoi, der auf die wohl durch Kleinasien ziehenden und ebenfalls verachteten Zigeuner übertragen wurde;1.1 Fremdbezeichnung des sich selbst u. a. als zigeuner. Sinto(Plural Sinti) oder Rom (Plural Roma) bezeichnenden Angehörigen eines ursprünglich nomadisierenden, über indoeuropäische Länder verstreuten, im 10. Jahrhundert aus Nordindien ausgewanderten, in Deutschland urkundlich zuerst 1417 erwähnten Volkes; bald abgelehnt v. a. wegen der nomadischen Lebensweise: Zigeuner… der Nahme eines herum streifenden ausländischen Gesindels (L004 Johann Christoph Adelung, objektiver dargestellt in ders. , Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde, 1806,237ff.) mit den Merkmalen ›stehlend, wahrsagend, bettelnd‹ und häufig zusammen mit anderen diskriminierten Gesellschaftsgruppen genannt: ärger dann [›als‹] Zygeuner und jüden (1595; L059 DWb), in Fortführung dieser Linie von den Nationalsozialisten als ›arbeitsscheu‹ und ›asozial‹ diskriminiert, verfolgt und ermordet (Zigeuner-Umsiedlung [1940; L021 Karl-Heinz Brackmann/ L021 Renate Birkenhauer]); daher die Fremdbezeichnung im heutigen Sprachgebrauch durch Sinti und Roma ersetzt (wodurch andere Stämme ausgegrenzt werden);
1.2 seit späterem 18. Jahrhundert im Bereich von Kunst und Literatur auch romantisierend mit dem Merkmal ›unbekümmert, ungebunden‹: Zigeunerszene (Goethe, Götz), Zigeunerromantik, Die drei Zigeuner (Gedicht von Lenau 1838), im Wanderlied Lustig ist das Zigeunerleben (L.Erk / F.M.Böhme, Deutscher Liederhort 3,413);
2 seit der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts übertragen ›ein unstetes, unordentliches Leben führende Person‹;
zigeunerisch anfangs (1538; L059 DWb) ›nach Art der Zigeuner‹; seit frühem 17. Jahrhundert auch speziell auf die Sprache bezogen: mit einem arabischen, oder doch ziegeunerischen namen (1619; L059 DWb), dazu
Zigeunersprache (L169 Matthias Kramer) rothwelsch: ist eine gantz besondere bettler- oder diebssprache, von der wahren Zigeunersprache gäntzlich unterschieden (1749; L059 DWb);
zigeunern (1588; seit dem 18. Jahrhundert verbreitet, W.L244 Wolfgang Pfeifer) ›ein Zigeunerleben führen‹, übertragen ›unstet herumstreichen, sich herumtreiben‹ (L033 Joachim Heinrich Campe). Vgl. R.Awosusi, Stichwort: Zigeuner, Zur Stigmatisierung von Sinti und Roma in Lexika und Enzyklopädien, 1998.
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