Hermann Paul - Deutsches Wörterbuch
wägen
ahd. wegan, mhd. wegen, gemeingermanisch (got. gawigan, engl. weigh), urverwandt lat. vehi ›fahren‹, mit 1,2wiegen(↑ "Wiege") aus derselben Grundlage hervorgegangen. Mittelhochdeutsch wegen flektiert wie ↑ "geben" (Präteritum wac, wagen, Partizip gewegen); zunächst ›sich bewegen‹, transitiv ›bewegen‹, ferner intransitiv ›wiegen‹ (das Brot wiegt drei Pfund, eigentlich ›ist imstande, drei Pfund in Bewegung zu setzen‹) und transitiv ›wiegen‹. Daneben gab es ein abgeleitetes schwaches Verb wegenbewegen‹. Im Neuhochdeutschen ist das -a- des Präteritums zu -o- geworden (vgl. "wo", "Woge", "Argwohn"), wonach sich dann auch das Partizip Perfekt gerichtet hat, dessen ältere Form aber in ↑ "verwegen" geblieben ist. Ein von Mitteldeutschland ausgegangenes Präteritum wug, das eine Zeitlang in der Literatur überwog, ist wieder zurückgedrängt. Im Präsens wechselte ursprünglich -e- mit -i- nach der allgemeinen Regel (wie bei "geben"); bei Luther wegen (wägen) neben ↑ 2"wiegen" (noch in Grammatiken des 18. Jahrhunderts; L059 DWb). Später wurde entweder -i- oder -e- durch alle Formen durchgeführt; so entstand die Trennung wiegen und wägen. Die Schreibung mit ä statt e beruht darauf, daß man wägen als eine Ableitung aus "Waage" auffaßte (zuerst in frühneuhochdeutschen alemannischen Quellen; L059 DWb), während es sich vielmehr umgekehrt verhält. Der Bedeutungsunterschied ist nicht überall durchgeführt. Wägen statt des üblichen wiegen ist selten: wie viel ein Brot wägen mußte (Möser), sie [die Liebe], die alles überwägen muß (Schiller), einer, der auch Räuber niederwägt(Schiller); aber umgekehrt ist wiegen für wägen seit dem 18. Jahrhundert häufig (zuerst im 14. Jahrhundert) und heute für die eigentliche Bedeutung völlig durchgedrungen, Zucker abwiegen; literarisch: ein Newton wiegt die innere Kraft(Haller), die alles mit kritischem Scharfsinn wiegt und prüfet (Zimmermann), man muß die Menschen nur mit dem Krämergewicht wiegen (Goethe). Besonders unsicher war schon im 18. Jahrhundert das Sprachgefühl in bezug auf die Unterscheidung von ↑ "aufwiegen" und aufwägen. Seit dem 15. Jahrhundert (L059 DWb) kommen zuweilen schwache Formen des Präteritums und Partizips vor, namentlich zu "erwägen"; diese beruhen vielleicht auf einem Einfluß des schwachen Verbs{{link}}(be)wegen{{/link}}, wie von diesem unter dem umgekehrten Einfluß auch starke Formen gebildet werden. Häufig ist wägen übertragen ›sorgsam prüfen, bedenken‹: man soll die Stimmen wägen und nicht zählen (A222 Friedrich Schiller, Demetrius 1,1,467), du stutzest? wägst mich mit dem Auge (Lessing); sprichwörtlich erst wägen, dann wagen; stets übertragen "erwägen", "abwägen", z. B. Vorteile. Zuweilen ist sich wägenhin und herschwanken‹ (wie die Schalen einer Waage), so daß es sich mit sich wiegen (zu "Wiege") in der Bedeutung berührt: und wogen sich leicht auf der Schärfe des Stahls (Klopstock), dreimal hin und her den Kopf so wägend (A.W.Schlegel). Das Partizip "gewogen" ›geneigt‹ ist zum Adjektiv geworden. Auf die allgemeine Bedeutung ›bewegen‹ ging nur noch sich verwegen zurück (↑ "verwegen"). Verwandt ⇑ "Waage", "Wagen", "Weg", "Wiege", "Woge", "Wucht", "Gewicht", "wackeln", "wagen", "wichtig".
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