Hermann Paul - Deutsches Wörterbuch
neu
ahd. niuwi, mhd. niuwe, indogermanisch (engl. new, vgl. griech. néos, lat. novus, altslaw. novu, hethit. neua-), wohl auch verwandt mit ↑ "neun". Es teilt sich mit "jung" die Funktion des ⇓ "S012" Gegensatzes zu "alt": Neue Wege gehe ich, eine neue Rede kommt mir; müde wurde ich, gleich allen Schaffenden der alten Zunge (A200 Friedrich Nietzsche, Zarathustra 107). Zunächst ist es ›erst soeben entstanden‹: Kleid, Schuh, Haus, Uhr, Lied, Sitte, Mode, Art, Maß, Gewicht, Orthographie können neu sein; die neuesten Begebenheiten, Nachrichten, (ungewöhnlich) mein neuestes Betragen (Schiller). Verwendet auch in bezug auf Gegenstände, die schon lange bestanden haben können, bei denen aber das Verhältnis zu bestimmten Personen sich erst vor kurzem gebildet hat: neuer Diener, Herr, König, Bürgermeister, Freund, neues Pferd, neue Wohnung. Vielfach knüpft sich neuan die Vorstellung, daß der betreffende Gegenstand noch nicht viel gebraucht ist (der Rock ist wie neu), und es ist daher auch geradezu ›noch nicht in Gebrauch genommen‹. Natürlich ist neu ein relativer Begriff, und man kann von einem Standpunkt aus etwas als neu bezeichnen, was von einem anderen aus schon altgenannt werden kann. Für gewisse Fälle ist eine genauere Begrenzung üblich geworden, die durch einen bestimmten Gegensatz bedingt ist. So bezeichnet es namentlich die Produkte des Jahres, in dem man steht, im Gegensatz zu denen des vorigen Jahres (eventuell auch noch früherer Jahre), so lange von letzteren noch Vorrat vorhanden ist: neuer Wein (verschieden von junger Wein, dafür auch schlechthin Neuer, L171 Paul Kretschmer 604), neue Kartoffeln, Heringe, neuer Roggen. Bestimmten Sinn haben ferner das Alte Testament und das Neue Testament, die Alte Welt und die Neue Welt, "Neuzeit" (s. unten) als Gegensatz zu "Altertum" und "Mittelalter", Altstadt und Neustadt, Neu-Strelitz, Neumünster u.dgl., Neuenburg, "neuhochdeutsch", neuenglisch. In solchen Fällen haftet die Bezeichnung auch an Gegenständen, deren Entstehung schon recht weit zurückreicht. So gibt es denn z. B. in Magdeburg eine alte und eine neue Neustadt. Oft liegt in neudie Bezugnahme auf etwas anderes von der gleichen Art, das vorher dagewesen ist oder noch von früher her besteht: ich habe mir eine neue Flasche (Wein) kommen lassen, es wird ein neues Faß angestochen, (immer) neue Truppenmassen rücken heran, er hat sich (zu den alten) neue Feinde gemacht, er gibt neuen Anlaß zu Verdruß; ähnlich neue Krankheit, neuer Anfall, neue Leiden, Sorgen, Hoffnungen, Befürchtungen usw. Mit dem Namen einer bekannten geschichtlichen Persönlichkeit wird neu verbunden, um auszudrücken, daß sich die Eigenschaften oder die Schicksale dieser Persönlichkeit in einer anderen gewissermaßen wiederholen: der neue Amadis, die neue Heloise, ein neuer Lessing. In Verbindung mit Bezeichnungen für Zeitabschnitte: das neue Jahr, die neue Woche, jeder neue Tag. Ferner gebraucht man neu mit Rücksicht auf völlige Umgestaltung: einen neuen Menschen anziehen (biblisch), ein neues Leben anfangen. Den neuen Menschen wollten auch politische Heilslehren des 20. Jahrhunderts, überhaupt wird der positive Nebensinn von neu gern für ⇓ "S192" Schlagwörter genutzt: Neue deutsche Welleeine Entwicklung in der Popmusik Anfang der 80er Jahre‹, die Neuen Wildeneine internationale Bewegung von Malern‹ ebenfalls der 80er Jahre. Nicht überall wird das Neue als positiv empfunden und deshalb kann neuin Zusammensetzungen wie Neutöner, "neudeutsch" (s. unten) auch abwertend gemeint sein. Hierin ist es mit seiner bildungssprachlich-lateinischen Entsprechung neozu vergleichen. Vielfach liegt in neu die Vorstellung des Unbekannten: das ist mir neu, was gibt es Neues?, eine neue Seite an jmdm. entdecken, einer Sache eine neue Seite abgewinnen; dazu Neuigkeit, "Neugier" (s. unten). Umgekehrt sagt man in einer Sache neu sein und meint ›unerfahren‹; dazu "Neuling" (s. unten). Als Adverb erscheint neuin seiner eigentlichen Bedeutung ohne Nebensinn vor dem Partizip Perfekt, mit diesem oft zusammengeschrieben: neugeboren (ein neugeborenes Kind, anders ich fühle mich wie neugeborenvon neuem geboren‹), neugebacken (meist übertragen: ein neugebackener Doktor), neugeschaffen, neuerbaut, neuvermählt, neuernannt, neuberufen, neuentdeckt, neubekehrt, neuangekommen, neueingezogen, neueingetreten. Eingeschränkter ist der Gebrauch neben dem Partizip Präsens: neu ankommend, neu eintretend. Auch neben anderen Verbalformen steht neu in Fällen wie ein Zimmer neu anstreichen, tapezieren, möblieren, wobei also die Voraussetzung ist, daß es schon früher einmal angestrichen usw. gewesen ist; entsprechend eine Straße neu pflastern, eine Stelle neu besetzen, einen Lehrsatz neu begründen. Ähnlich ist auch den Mut neu beleben u.dgl., wo es sich gleichfalls um Wiederherstellung eines schon früher vorhandenen Zustandes handelt; am häufigsten ist neu auch in diesem Sinn vor dem Partizip: neugestärkt, neugekräftigt, neubeseelt u.dgl. Sonstige Verwendung ist selten. Adverbial werden auch gebraucht aufs neue und von neuem, beide auf die Wiederholung eines früheren Vorganges oder Wiederherstellung eines früheren Zustandes deutend. Vgl. auch "neuerdings", "neuerlich", "neulich" (s. unten). Zusammensetzungen sind durch Verschmelzung des Adjektivs mit einem Substantiv entstanden, so Neubau, Neubauer, Neubruch, Neujahr, Neuzeit (s. unten), Neulicht, Neumond, Neustadt, Neugroschen, Neusilber; mit dem adverbialen von neuem entsprechenden Sinn Neudruck, Neuwahl. Neubelebung, Neugestaltung u.dgl. werden wohl richtiger als Ableitungen aus neu beleben usw. gefaßt. Jedenfalls sind "neumodisch", neutestamentlich Ableitungen aus neue Mode, Neues Testament.  Neubau (L361 Johann Heinrich Zedler 1740) nicht nur für ein eben fertiggestelltes, sondern auch für ein noch im Bau begriffenes Gebäude; als Gegensatz zu Altbau kann der Neubau sogar schon relativ alt sein.
Neubauer (Ende des 18. Jahrhunderts Möser; L059 DWb) ›Bauer, der sich auf früher noch nicht zum Ackerbau verwendetem Boden niedergelassen hat‹. Häufig als ⇓ "S067" Familienname (niederdt. Niebuhr).
Neubruch spätmhd. neupruch, ›erst vor kurzem mit dem Pflug gebrochenes, zum Acker gemachtes Land‹, übertragen: das deutsche geistig-literarische Terrain… ein Neubruch (A075 Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit 29,65,11).
neudeutsch »Gegensatz zu altdeutsch« (L264 Daniel Sanders, L059 DWb), heute eher abwertend, bezogen auf Sprache (wie es neudeutsch heißt) und Lebensform (L097 GWb): ein Klima von neudeutscher Schlüpfrigkeit (B.A254 Botho Strauß, Paare 23).
Neugier (1674 Stieler; L059 DWb),
Neugierde (1680 Francisci; L345 Friedrich Karl Ludwig Weigand/ L345 Herman Hirt): Sind sie eigentlich jemals richtig neugierig gewesen in Ihrem Leben? Neugier ist nämlich Sache der Phantasie(A.A227 Arno Schmidt, Wundertüte 30); die sexuelle Neugierde… , die ins Künstlerische abgelenkt (»sublimiert«) werden kann (S.A063 Sigmund Freud V,66);
neugierig (1557 Waldis; L345 Friedrich Karl Ludwig Weigand/ L345 Herman Hirt); seltener, später und mehr literarisch Neubegier, Neubegierde, neubegierig, diese sind alle erst neuhochdeutsche Bildungen. Im Mittelhochdeutschen existiert statt dessen ein Adjektiv niugern(e) (↑ "gerne"), dazu ein Substantiv niugerne. Das Niederländische hat nieuwsgierig, nieuwsbegeerig mit Genitivform, also ›nach Neuem gierig‹, entsprechende Formen finden sich in niederdeutschen und mitteldeutschen Mundarten.
Neujahr im 16. Jahrhundert aus das new jahr unter Aufgabe der Flexion, parallel zu mittelniederdt. niejar (L059 DWb)
1erster Tag eines Kalenderjahres‹, auch (seit dem 16. Jahrhundert)
2Neujahrsgeschenk‹ (schon 1540; ebenda), veraltet, neujahr geben (1711; ebenda);
Neuland ahd. niwilenti, niulenti (L094 Eberhard Gottlieb Graff 2,283), mhd. niuwelende, neuland (L327 Voc.Teut.-Lat. 1482) ›Neubruch‹. Häufig übertragen: in früheren Zeiten… , wo der Wissensvorrat noch so gering ist, daß fast jeder Schritt Neuland erschließt (A.A227 Arno Schmidt, Wundertüte 141).
Neuzeit 1837 in einer Übersetzung aus dem Französischen: Daher ist die Presse… die erhabene Eroberung der Neuzeit(Koselleck 303, s. unten), dann um 1850 Heine und Freiligrath. In der Geschichtsschreibung meist für die ⇓ "S061" Epoche, die auf Antike und Mittelalter folgt. Zusammengerückt aus neue Zeit, so noch ausschließlich Mitte des 19. Jahrhunderts bei Ranke (Koselleck 302). Zur Begriffsgeschichte: R.Koselleck, Vergangene Zukunft 1979,300ff.
neuerdings
1erst vor kurzem‹: erschien doch neuerdings, aus der Feder des Herrn H. eine versio duplex (1781f. J.G.Müller; L059 DWb). Jetzt gewöhnlich nur
2seit kurzem‹, auf die Gegenwart bezogen: neuerdings bekümmert er sich gar nicht mehr um uns.
3 Auch ›von neuem‹: sind denn unser Klopstock und seinesgleichen wiederum neuerdings begierig geworden, das Maß des Genies zu wissen (Schiller).
neuerlich (L308 Kaspar Stieler 1691) ›vor kurzem, in der letzten Zeit‹, daneben jünger ›erneut, wiederholt‹ (L242 Richard Pekrun): daß mein Gemahl neuerlich ein großer Moralist geworden ist (Wieland), aus Hamburg habe ich neuerlich keine Nachricht (Lessing). Auch als Adjektiv: verschiedene neuerliche Wahrnehmungen(Wieland), neuerliche Beschlagnahme (Bismarck);
neuern mhd. niuwern, als einfaches Wort selten: die neuernden Theologen (Nicolai); Neuerung (mhd. niuwerunge), ↑ "erneuern". Dazu aber allgemein üblich
Neuerer (1776 Herder), anfänglich oft abwertend, in der ⇓ "S045" DDR Ehrentitel für vorbildliche Arbeiter (M.Stars, in: WZPH Potsdam 22,193).
Neuheit spätmhd. (mitteldt. 14. Jahrhundert) nuweheit, gewöhnlich als Eigenschaftsbezeichnung (Reiz der Neuheit); früher auch wie NeuigkeitNachricht von etwas bisher noch nicht Bekanntem‹; um 1900 NeuheitenHandelsartikel nach der neuesten Mode‹ als ⇓ "S024" Lehnbedeutung nach franz. nouveautés.
Neuigkeitneu(est)e Nachricht‹ mhd. (14. Jahrhundert ostmitteldt.) nuwekeit, früher auch als Eigenschaftsbezeichnung wie Neuheit: ihre [der Heldentaten] Neuigkeit rührt am meisten(Lessing), ihrer Neuigkeit, Seltenheit und Verborgenheit halber (I.Kant).
neulich mhd. niuweliche, ursprünglich nur Adverb ›vor kurzem‹, jetzt immer nur von der Gegenwart aus. Ungewöhnlich neben dem Präsens ›seit kurzem‹: so daß ich neulich mich ganz und gar auch von den bessern enthalte (A075 Johann Wolfgang von Goethe, Brief vom 22.7.10). Seit dem 17. Jahrhundert auch als Adjektiv: bei dem neulichen Besuch (A075 Johann Wolfgang von Goethe, Wahlverwandtschaften 20,287,3).
Neuling (15. Jahrhundert newling; L059 DWb), zuweilen ›Emporkömmling‹ (nach lat. homo novus): des Schicksals mächtiger Neuling [Napoleon] (Platen). Veraltet ›Neuerer‹: ein Neuling und ein Bösewicht(Gellert).
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