Hermann Paul - Deutsches Wörterbuch
Macht
ahd. / mhd. maht, germanisch (engl. might, got. mahts), zu ↑ "mögen", Plural Mächte, bis ins 18. Jahrhundert auch Machten, erhalten in ⇑ "Vollmacht", "Ohnmacht"; nach "mögen" ›können1 auf physische Stärke bezogen, daher
mit aller/ aus ganzer Macht (Luther), mit gantzer Macht und stercke (L200 Josua Maaler), noch bis zum 18. Jahrhundert speziell auch die eigene Körperkraft: zu oft nur waffn' ich meine Mächte (Schiller), noch in Eigenmacht, "Ohnmacht"; daher übertragen
2wirkende Kraft‹, ohne Adjektiv im Sinne von ›große Macht‹: wie die Sonne aufgehet in jrer Macht(A180 Martin Luther, Richter 5,31), Macht der Finsternis (nach A180 Martin Luther, Lukas 22,53), himmlische, höllische Mächte (A222 Friedrich Schiller, Macbeth 1,1), besonders biblisch bezogen auf Gott, dazu "Allmacht" (L308 Kaspar Stieler), im Sinne von ›Fähigkeit
etwas liegt/ steht in jmds. Macht: Es steht in deiner Macht (L308 Kaspar Stieler); mit zu und Infinitiv: Macht … , die Sünde zu vergeben (A180 Martin Luther, Matthäus 9,6), dafür bis zum frühen 18. Jahrhundert mit Genitiv: das wir des nicht Macht haben(Luther), auch ich habe es alles Macht (Luther), mit Präpositionen Du hast keine Macht über mich (L308 Kaspar Stieler), etwas in seiner Macht haben »es beherrschen« (L264 Daniel Sanders); seit dem 18. Jahrhundert »gern in bezug auf seelisches oder geistiges« (L059 DWb), aber schon bei L308 Kaspar Stieler Tugendmacht: die Macht der Liebe, Gewohnheit (L059 DWb), keine Macht auf Erden (A222 Friedrich Schiller, Karlos, Urfassung 1,1), besonders im Plural, z. B. Schicksalsmächte; dazu Übermacht mhd. übermaht, im 18. Jahrhundert aus übermächtig (15. Jahrhundert) neu gebildet; gesteigert zu
3überlegene Stärke, Herrschaft‹: Macht und gwalt (L200 Josua Maaler), ⇓ "S192"
Wissen ist Macht nach F.Bacon, Essayes (1598) knowledge itself is power (vgl. L027 Büchmann) »ein häufig gehörtes Schlagwort« (L320 Trübner), eine Leitidee der sozialistischen Bewegung und von dieser August Bebel zugeschrieben; veraltet bezogen auf Truppen: da sandte er hin Rosse und Wagen und eine große Macht (Luther), mit König Friedrichs Macht (G.A.Bürger), dazu Kriegsmacht (Stieler), Heeresmacht (bei L004 Johann Christoph Adelung Heermacht), Streitmacht (L320 Trübner); im 20. Jahrhundert soziologisch weitergedeutet als »die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen« (M.Weber, zitiert nach L025 Brockhaus 7,161955); als Kollektivum besonders politisch im Sinne von ›Staat‹, ›Nation‹ »von souveränen, mächtigen Staaten« (L004 Johann Christoph Adelung): Die Europäischen Mächte, Die Macht Frankreich (ebenda), Der gesellschaftskritische Autor… wird… zum kritischen Partner der Macht(N.A020 Nicolas Born, Maschine 48), dazu "Großmacht", Staatsmacht, "Weltmacht" (alle L308 Kaspar Stieler), Landmacht, Seemacht (L004 Johann Christoph Adelung), bezogen auf die Legislative gesetzgebende Macht, nur im Plural "Westmächte" (L320 Trübner) ↑ "Westen".
Machtergreifung besonders auf den Nationalsozialismus bezogen: Die Armee… hat der Machtergreifung Hitlers… zugesehen (H.Mann; L337 WdG).
Machthaber (1553 Haltaus), auch abwertend politisch ›der Regierungsgewalt besitzt‹, im Plural politische Machthaber »heute ganz geläufig« (L320 Trübner).
Machtvollkommenheit mhd. mahtvolkomenheit, mechte volkomenheit (1385); ⇓ "S010" kanzleisprachliche ⇓ "S124" Lehnübersetzung von lat. plenipotentia, abwertend vor allem
aus eigener Machtvollkommenheit: er hat aus eigener Machtvollkommenheit… Geiseln… hinrichten lassen (Hochhuth; L337 WdG);
Machtwort (L308 Kaspar Stieler) im Sinne von ›Befehl‹: ein machtwort, das da schaffet, was es lautet (Luther), besonders
ein Machtwort sprechen, bei Gellert ehe ich… ein machtwort rede (L059 DWb); literarisch im 18. Jahrhundert übertragen ›kraftvolles, ausdrucksvolles Wort‹: unsere klangworte sind oft auch machtworte (Herder; L059 DWb).
mächtig ahd. mahtig, mhd. mehtic; zu Macht(1)
1kraftvoll, bedeutend nach Wirkung und Eindruck‹: ein mächtiger Kerl (L308 Kaspar Stieler), eine mächtige Eiche, Stimme, im Bergbau von Flözen ›breit‹ bzw. ›dick‹ (vgl. L059 DWb); in der Wendung mächtiger Aufschwung »erstarrt« (L320 Trübner); besonders adverbial abgeblaßt umgangssprachlich ›sehr‹ – wie frühnhd. auch mächtiglich (von Wieland wiederaufgenommen) zu frühnhd. mächtigen (erhalten in ↑ "ermächtigen") –: Du bildest dich mächtig viel ein (L308 Kaspar Stieler), Die Jungfer ist mächtig schön (ebenda), Sind Sie schon mal dritter Klasse gefahren? Ne Sie? Muß mächtig interessant sein (A010 Gottfried Benn, Kasino); zu Macht(2)
2einflußreich‹, ›Gewalt habend‹: eine mächtige Stadt (L308 Kaspar Stieler), mächtige Feinde (ebenda); mit dem Genitiv da er… des Königreichs mächtig ward (Luther), der Schlüssel bin ich mächtig (Schiller), im Sinne von ›fähig‹: der lateinischen Sprache mächtig, einer ist seiner sprache, seiner sinne nicht mächtig (L059 DWb).
Sie können einen Link zu dem Wort setzen

Ansicht: Macht