Hermann Paul - Deutsches Wörterbuch
je
1 aus ahd. ío, mhd. íe (got. aiw ›eine Zeit‹, eigentlich Akkusativ eines Substantivs, aus dem "ewig" abgeleitet ist) durch eine Verschiebung des Silbenakzentes entstanden (Zwischenform ), die zuerst im Niederdeutschen eingetreten ist. L284 Justus Georg Schottelius 1663 bietet je.1 Adverb. Die Dichter des schlesischen Barock haben ie, das noch Wieland mehrmals im Reim (: Harmonie, : sie) anwendet. Erhalten in nie (n < ahd. ni, Negation). Durch Verschmelzung mit dem Komparativ mer (mehr) entstand mhd. iemer, woraus aus neuhochdeutsch durch Kürzung "immer". Mittelhochdeutsch ie und iemer vereinigen beide in sich die Bedeutung von neuhochdeutsch je und immer. Doch unterscheiden sie sich in anderer Hinsicht, indem ie auf die Vergangenheit, iemer auf die Zukunft geht, da das in iemersteckende mer eben den Sinn ›ferner, künftig‹ hat (↑ "mehr"). Dieser Unterschied ist im Neuhochdeutschen verloren, dagegen ein anderer eingeführt: immer bedeutet ›zu jeder wirklichen Zeit‹, jezu jeder beliebigen angenommenen Zeit‹; jesteht daher in Bedingungssätzen, wozu auch die verallgemeinernden Relativsätze zu rechnen sind, und in Fragesätzen. Doch bleiben noch verschiedene Fälle, in denen je auch auf eine wirkliche Zeit gehen und in positiven Behauptungssätzen stehen kann. Länger als einfaches jeim Sinne von ›immer‹ hat sich je und je erhalten, vgl. sei mir tausendmal gegrüßet, der mich je und je geliebt (P.Gerhardt); ist von jeher gewesen und wird bis je und je bleiben (Claudius). Noch jetzt üblich seit je. Daneben auch je und je im Sinne von ›zuweilenmachen uns wohl je und je das Bläsier (A222 Friedrich Schiller, Kabale und Liebe 1,2). Ferner distributiv: je zwei (und zwei), je ein Paar; eins je anders denn das andere (Luther). Damit nahe verwandt je nach den Umständen, je nachdem usw. Reziprokes je… je mit Komparativ (schon mhd. ): je höher Berg, je tiefer Tal; je länger, je lieber; die Teurung ward je länger je größer im Lande (Luther); ich wollte, sie wären je eher je lieber fort (Goethe); je mehr gebeugt, je schöner bald verehret, je mehr geschmäht, je göttlicher verkläret(Tieck).
2 Als Erstglied einer mehrteiligen Konjunktion leitet je den Nebensatz ein: je mehr ihr lernt, je mehr vergeszt ihr (Lessing; L059 DWb); üblich sind heute die Verbindungen je… desto und je… umso.
3 Früher, besonders im Frühneuhochdeutschen, diente je auch als Beteuerungspartikel ›jedenfalls‹: das ist je gewißlich wahr(Luther); wir müssen je sagen, daß Abraham sei sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet (Luther); in neueren Bibelausgaben z. T. unpassend durch ja ersetzt. Daher auch das noch jetzt gebräuchliche, widerwillig einräumende je nun. Hier eine Abschwächung aus ja anzunehmen, ist unberechtigt. Dasselbe Abblassen des zeitlichen Sinnes in "jedoch". Enthalten ist je noch in ⇑ "jeder", "jeglicher", "jemals", "jemand", "niemand", "nie", "nicht", "irgend", "nirgends", "jedoch", "jetzt".
2"S096" Interjektion, in Ausrufen der Verwunderung, des Bedauerns bzw. des Erschreckens, verkürzt aus Jesus bzw. ↑ "jemine", vgl. ach je (↑ "ach"), ach herrje, "herrje" (↑ "Herr"), oje (↑ "o").
3 1"S079" Gliederungspartikel, veraltet auch ie (↑ "i"), von dem L033 Joachim Heinrich Campe behauptet, es könne auch wie jeausgesprochen werden, frühneuhochdeutsch noch Variante zu einleitenden ⇑ "ei", "ja". Da das seine Jünger höreten / entsatzten sie sich seer / und sprachen / Je / Wer kan denn selig werden?(A180 Martin Luther, Matthäus 19,25); heute nur noch in je nun (z. B. Lessing, ↑ "i"): »Je nun«, sagte der Maler und winkte mit einer gleichgültigen Handbewegung ab, »es bedarf keiner Entschuldigung«(1947 A154 Hermann Kasack, Stadt 69);
2"S002" Abtönungspartikel, veraltet, frühneuhochdeutsch (Sachs) und noch bis ins 19. Jahrhundert Variante zu "ja": Sie werden mich je doch wohl merken [= verstehen], Herr Sekertare? (A222 Friedrich Schiller, Kabale und Liebe 1,2). Möglicherweise hat sich ja als Abtönungs- und Gliederungspartikel nicht aus zustimmendem ja entwickelt, sondern aus Verwendungen von i, ie, je, y.
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