Hermann Paul - Deutsches Wörterbuch
Haus
ahd. / mhd. / altsächs./ altfries./ altniederländ./ altengl./ altnord. hus, got. in gudhus ›Tempel‹; die ältere Plural-Form in Ortsnamen auf -hausen. – Allgemein1Gebäude zu bestimmten Zwecken (zum Wohnen, Unterbringen, zu bestimmten Beschäftigungen o.ä.)‹ ist bis heute erhalten: Kaufhaus, Bürohaus; daneben die engere, heute zentrale Bedeutung
2Gebäude zum Wohnen‹ in festeren Wendungen, z. B.: zur Bezeichnung der gesamten Habe häufig in der ⇓ "S007" alliterierenden Verbindung Haus und Hof (bereits ahd. hus enti hof: sie hätte mich um haus und hof gebracht(S.Lenz; L059 DWb), ähnlich sein Haus bestellenordnen‹, vor allem mit Blick auf ein baldiges Ableben nach Jesaja 38,1; präpositional mit zuze Hauß sein. Habitare (L200 Josua Maaler), Wo bist du zu Haus? (L308 Kaspar Stieler) – an die Vorstellung des Heimischen, des Ortes, wo man hingehört, anschließend vorwiegend norddeutsch, dafür mitteldt./ süddt. ⇑ "heim", "daheim" (L066 Jürgen Eichhoff, Karte 28 und 29), übertragen eine welt, wo gleichgültigkeit und abneigung… zu hause sind (Goethe; L059 DWb), auf Kenntnisse bezogen in einer Wissenschaft zu Hause seyn(L004 Johann Christoph Adelung); mit etwas zu Hause bleiben in der umgangssprachlichen Aufforderung, etwas sein zu lassen: bleib mir mit wenn und mit aber zu haus(G.A.Bürger; L059 DWb); präpositional mit ausaus dem Hause gehen / aus seinem Hause. Ich bin in acht Tagen nicht aus dem Hause gekommen / aus meiner Wohnung (L004 Johann Christoph Adelung); von Haus aus übertragen zur Bezeichnung einer Eigentümlichkeit: er ist ein Schalk von Hause aus (L004 Johann Christoph Adelung), aus gutem Hause »von guten Ältern« (ebenda); umgangssprachlich
mit der Tür ins Haus fallen »nicht die nöthige Klugheit und Behutsamkeit anwenden« (L004 Johann Christoph Adelung); das für Haus prototypische Wohngebäude wird durch eine Reihe von Eigenschaften bestimmt: ›ein- oder zweistöckig‹, ›Giebeldach‹, ›steht frei (möglichst von einem Garten umgeben)‹. Hierzu weitere metaphorische oder metonymische Bedeutungen, einige nur noch historisch: ›Kirche‹: Hauß/ Kirch oder tempel. Aedes (L200 Josua Maaler), heute in der Regel: Gotteshaus; ›Burg, Schloß‹: uf unser hause ze Nürnberg (1347 Urkunde Karls IV.; L059 DWb); ›Theatergebäude‹, ›Theater als Institution‹ bzw. ›Theaterpublikum‹: das haus war gefüllt (Goethe; L059 DWb); ›Versammlung von Abgeordneten‹ bzw. entsprechend ›die Institution der Versammlung‹: indes der freude lallen das ganze haus durchbricht (1866 Kladderadatsch; L059 DWb), dazu ⇑ "Oberhaus", "Unterhaus", wenn eine Ständeversammlung in dem Sinne in zwei Kammern getheilt ist, in dem die eine als Ober-, die andere als Unterhaus der andern zur Seite steht(1819 W.v.A137 Wilhelm von Humboldt, Werke 4,475); ›die Hausbewohner‹: Das ganze Haus lief vor das Tor (L004 Johann Christoph Adelung), bzw. ›der Haushalt‹: Was man in das Haus braucht, zur Nothdurft und zur Bequemlichkeit seiner Familie (L004 Johann Christoph Adelung), dazu auch die Kinder sind aus dem Haus, wenn sie erwachsen sind und nicht mehr bei den Eltern wohnen; ›Familie, GeschlechtUnd es war ein langer Streit zwischen dem Hause Saul und dem Hause David (A180 Martin Luther, 2 Samuel 3.1), Das Haus Sachsen/ Brandenburg (L004 Johann Christoph Adelung); ›Firma‹: Wechsel aus einem guten Hause. Es haben drey angesehene Häuser bankerott gemacht (L004 Johann Christoph Adelung); ›Tierbehausung‹: caninchen ein schwach volk, dennoch legts sein haus in den felsen (Sprüche Salomos; L059 DWb; erwähnt schon bei L004 Johann Christoph Adelung); in "Schneckenhaus" funktionsbezogene Übertragung zu Affenhaus, Löwenhaus als Bezeichnungen für Zoogebäude; ›bestimmte Person‹ in vertraulicher Bezeichnung: Er ist ein fideles/ kreuzbraves Haus; Altes Haus, was machst du? (L269 Daniel Sanders/ L269 J. Ernst Wülfing); altes Haus ursprünglich studentensprachlich (1795; L115 Helmut Henne/ L115 Georg Objartel 2,378); Diminutiv in der Redensart
aus dem Häuschen sein (um 1800) ›außer sich sein‹ folgt der Vorstellung ›Heim der Seele‹: warum bist du gleich… aus dem Häuschen, wenn einer dir mit Brillen spricht?(Goethe).
Hausarbeit (L169 Matthias Kramer) zunächst auf Tätigkeiten im Haushalt (s. unten) bezogen: geringe hawsarbeit als spinnen neen[nähen] und würken (15. Jahrhundert; L059 DWb), heute auch speziell »eine zu Hause zu erledigende Schulaufgabe« (L320 Trübner);
seine Hausarbeiten nicht gemacht habennicht vorbereitet sein‹; dafür auch Hausaufgaben, Schulaufgaben (vgl. L066 Jürgen Eichhoff, Karte 3–33); ↑ "Aufgabe").
hausbacken (L308 Kaspar Stieler), ursprünglich ›das für den Hausbedarf Gebackene‹: hausbacken Brot (vgl. L308 Kaspar Stieler) ›Roggenbrot‹ im Gegensatz zu Herrenbrot; danach übertragen ›einfach, anspruchslos‹, z. B. auf den Philister bezogen so kläglich, gemein, / Hausbacken und ledern soll alles auch sein (1843 A128 Hoffmann von Fallersleben, Das Lied vom deutschen Philister);
Hausbuch (L308 Kaspar Stieler)
1 »Rechnungsbuch über die häuslichen Ausgaben und Einnahmen« (L004 Johann Christoph Adelung), dann auch
2oft- und vielgelesenes Buch‹: dies buch… , das der vater dem eidam schenkte zum hausbuch (Voß; L059 DWb);
Häusermeer 19. Jahrhundert: Das weit ausgedehnte Häusermeer überschauend (Lewald; L264 Daniel Sanders);
Hausflur Mask. L003 Johann Christoph Adelung 1775 auch Fem. , landschaftlich variiert, vgl. L066 Jürgen Eichhoff, Karte 25, Zu Hause angekommen, fand er die Hausflur vom ganzen Dienstpersonal eingenommen (A042 Annette von Droste-Hülshoff, Judenbuche 29);
Hausfrau mhd. husvrou(we), ursprünglich und noch bis ins 18. Jahrhundert auch im Sinne von ›Ehefrau‹, entsprechend Hausmann (s. unten), mhd. husman; dann vor allem ›Vorstand eines Haushalts‹: Und drinnen waltet / Die züchtige Hausfrau, / Die Mutter der Kinder (A222 Friedrich Schiller, Glocke), daher häufig die Verbindung Hausfrau und Mutter; seit dem Ende des 2. Weltkriegs im Zuge zunehmender Berufstätigkeit von Frauen oft mit entsprechender Betonung: eine Hausfrau am Abend eines doppelten Arbeitstages (1987 Die Zeit Nr. 18,84);
Hausfreund (18. Jahrhundert; L059 DWb),
1 der ärztliche hausfreund eilt herbei (Goethe; L059 DWb),
2Geliebter einer verheirateten Frau‹: die Tochter wohl dem Vater, die beiden andern Kinder aber dem Hausfreund angehören (A075 Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit 26,146,9);
Hausgebrauch bis ins 18. Jahrhundert auch Hausbrauch (vgl. L308 Kaspar Stieler, L004 Johann Christoph Adelung) »der in einem Hause, in einer Familie eingeführte Gebrauch« (L004 Johann Christoph Adelung), besonders in der Fügung (nur) für den Hausgebrauch als Bezeichnung für weniger Anspruchsvolles: sehr verständig und guten willen… für den hausgebrauch (Goethe; L059 DWb);
hausgemacht nur im Partizip Perf. , im 18. Jahrhundert auch im Partizip Präs. »um etwas anzuzeigen, das im Hause gemacht ist, und das man sonst eigen gemacht nennt« (L108 Johann Friedrich Heynatz; L320 Trübner), übertragen ›einfach, schlicht‹: dabei war die nation eher frugal und kleidete sich… in hausgemachtem zeuge(Niebuhr; L059 DWb);
Haushalt ↑ "Halt", 1561 (L200 Josua Maaler) wie Haushaltung (L393 Voc.inc.teut., ca. 1480) vom Privatbereich jedes von ihnen wird gedacht haben, es sei reif für einen eigenen haushalt (Gotthelf; L059 DWb), besonders in der Verbindung einen haushalt führen (Goethe; L059 DWb); übertragen, z. B. in ökologischer Hinsicht haushalt der natur (J.Grimm; L059 DWb), auf Seelisches haushalt ihrer seele (Savigny; L059 DWb); speziell ›Etathaushalt eines staates (J.Grimm; L059 DWb); ⇓ "S183" rückgebildet aus
haushalten mhd. hushalten, bis ins 18. Jahrhundert auch getrennt Haus halten (L004 Johann Christoph Adelung), in neutraler Bedeutung »ein Haus regieren, einem Hause vorstehen« (ebenda), speziell positiv mit etwas haushalten (J. L.L078 Johann Leonhard Frisch) ›sparsam damit umgehen‹: Ich schätze ihre Kunst, mit wenig Geld hauszuhalten (1963 M.v.d.A093 Max von der Grün, Irrlicht 9), mit seinen Kräften haushalten(L337 WdG);
Haushälterin 1578 (L345 Friedrich Karl Ludwig Weigand/ L345 Herman Hirt), zunächst auch, die den eigenen Haushalt führt, so bis zum 18. Jahrhundert auch Haushälter; vor allem aber auf fremde Haushalte bezogen: der eine grozse verwaltung hat,… musz… eine haushälterin haben(Fischart; L059 DWb);
Hausherr mhd. husherre, »Der meister in dem hauß« (L200 Josua Maaler), übertragen um eine führende Position auszudrücken: Die Schüler von heute sind die Hausherrn von morgen (L337 WdG);
haushoch übertragen »sehr hoch« (L004 Johann Christoph Adelung), auch auf Abstrakta bezogen: haushohe Rechnungen (Gotthelf; L264 Daniel Sanders), »bei Kartenspielern« (L320 Trübner) haushoch gewinnen, im Sport haushoher Sieg/ Favorit (L337 WdG);
Hausmacht (L308 Kaspar Stieler) ›Herrschaft einer Familie‹: jene schrankenlose hausmacht in den familien des hohen adels (Dahlmann; L059 DWb), übertragen ›Anhängerschaft‹, politisch: der über keine Hausmacht… verfügt (Der Spiegel; L097 GWb);
Hausmann
1Vorstand einer Haushaltung‹, insbesondere einer ländlichen das einem ordentlichen Hausmann den Kopf heiß machen könnte (A222 Friedrich Schiller, Räuber 1,1); seit dem Frühneuhochdeutschen, Plural Hausmänner, »im Fäminino« Hausfrau (L004 Johann Christoph Adelung); dann
2 »Der umb zinß in eines anderen hauß wonet« (L200 Josua Maaler), Plural: Unsere Hausleute (»Personen beyderley Geschlechtes«; L004 Johann Christoph Adelung), welche… bey uns zur Miethe wohnen (L004 Johann Christoph Adelung), feminine Form im Singular Hausmannsfrau, Frau des Hausmanns (L004 Johann Christoph Adelung); für Hausleute gibt L004 Johann Christoph Adelung auch die Bedeutung ›Hausgesinde‹ an; im Mittelalter war husmann »Burgwart… der auf dem wartthurme wohnte« (L059 DWb), von daher
3Türmer in der Stadt‹ (bei Luther), weiterentwickelt zu »Beschließer des Hauses« (L003 Johann Christoph Adelung 1775). Die Bedeutungen (1) bis (3) werden von L264 Daniel Sanders bestätigt, für (1) gibt er die Bedeutung ›Hausvater‹, wie L004 Johann Christoph Adelung »weibl. Hausfrau« an; im Vergleich hierzu bildet sich eine neue Bedeutung von Hausmann aus, gegenüber der alle anderen veraltet sind
4"S147" »Ehemann oder alleinstehender Mann, der Hausarbeit verrichtet« (1975 Der Spiegel; L097 GWb); zu (3) Hausmannsthurm ursprünglich »von einem Thürmer bewohnet« (L004 Johann Christoph Adelung), heute noch Gebäudebezeichnung in Niedersachsen. In Anlehnung an die ländliche Komponente (vgl. Hausmann[1]):
HausmannskostKost für sich und die Seinenvergnügt bei unserer alltäglichen hausmannskost (A. v.Arnim; L059 DWb);
Hausrat mhd. husrat ↑ "Rat", Kollektivsingular ›Geräte in einem Haushalt‹, übertragen das licht, das dir der andre geben kann, zeigt, aber zimmert nicht den hausrat deines innern (Jean Paul; L059 DWb);
Hausstand (L308 Kaspar Stieler) wie einen Hausstand gründen (L059 DWb), bis L004 Johann Christoph Adelung auch im Gegensatz zu bürgerlichem, geistlichem, militärischem Stand im Sinne von ›privater Stand‹;
Haustier »ein jedes zahmes Thier, so fern man es in den Häusern zu halten pfleget« (L004 Johann Christoph Adelung), daher Haushuhn, Haushund (beide L308 Kaspar Stieler), Hausschwein (L033 Joachim Heinrich Campe) etc.;
Hauswirt mhd. huswirt, zunächst und bis ins 18. Jahrhundert auch
1Bewohner eines eigenen Hauses‹ und so bezogen auf seine eheliche bzw. familiäre Stellung, dann nur noch
2Vermieter‹, »in der heutigen sprache des gemeinen lebens sehr geläufig« (L059 DWb);
hausen ahd. huson, mhd. husen,
1wohnen‹: daß niemand daselbst wohnen, noch kein Mensch darinnen hausen soll (Luther), daher allgemein ›verweilen‹ (veraltet): mit Euch leben und hausen (Goethe); häufig abwertend, Unheimliches – romantische menschenfresser hausen auf jenem schlosz (Uhland; L059 DWb) – und Ärmliches auszudrücken: (du bettelmann) im sommer untern zeunen hausest (Sachs; L059 DWb), frühneuhochdeutsch transitiv ›beherbergen‹; abwertend ›wüten, zerstören‹: dürfen in seiner Schöpfung Könige so hausen? (A222 Friedrich Schiller, Karlos 5,4), der Sturm hat im Wald arg gehaust; zugleich
2 speziell ›haushalten‹: mit Vielem läßt sich schmausen, mit wenig läßt sich hausen(Goethe), so heute nur noch ⇓ "S212""S195" süddeutsch/ schweizerisch;
hausieren (15. Jahrhundert; L345 Friedrich Karl Ludwig Weigand/ L345 Herman Hirt): mit mäusefallen, puppen und schwärmern hausiret (Möser; L059 DWb), ›von Haus zu Haus ziehen und Ware verkaufen‹, in der Wendung mit etwas hausieren gehen (Stilling; L059 DWb) heute ⇓ "S027" übertragen vorwurfsvoll zur Bezeichnung von Aufdringlichkeit (vgl. L337 WdG);
Häusler (L308 Kaspar Stieler) ›Dorfbewohner, der ein Haus, aber kein Feld besitzt‹: handwerker, häusler oder pächter(Möser; L059 DWb);
häuslich um 1480 (L345 Friedrich Karl Ludwig Weigand/ L345 Herman Hirt), auf den Haushalt bezogen kein eigen domicilium und häuslich wesen (Ayrer; L059 DWb), den häuslichen wohlstand (Herder; L059 DWb), häusliche Arbeiten (L004 Johann Christoph Adelung), besonders in den Fügungen sich häuslich einrichten (Goethe; L059 DWb) / sich häuslich niederlassen (L059 DWb), so heute scherzhaft ›es sich bequem machen‹; auf Personen bezogen im Sinne von ›tüchtig‹, auch ›sparsam‹ (vgl. L004 Johann Christoph Adelung).
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