Hermann Paul - Deutsches Wörterbuch
handeln
ahd. hantalon, aus "Hand" abgeleitet.1 Heute veraltet transitiv ›mit den Händen betasten, bewegen, bearbeiten‹, weiterhin ›sich mit etwas abgeben, verfahren‹. Als Objekt steht eine Sache: als die heiligen Kinder der Frommen handelten das göttliche Gesetz einträchtig (Luther), noch bei Wieland wie er sie [die Fische] mit der Gabel handelt (jetzt dafür "behandeln"); eine Person: sie werden ihn dienstbar machen und übel handeln (Luther) (dafür jetzt gleichfalls "behandeln", vgl. "mißhandeln"); eine Tätigkeit: dieser aber hatte nichts Ungeschicktes gehandelt (Luther). Auch in bezug auf Verhandlungen vor Gericht und in sonstigen Versammlungen und Besprechungen wurde handeln früher transitiv gebraucht: nach ihrem Munde sollen alle Sachen und alle Schäden gehandelt werden(Luther); was sind das für Reden, die ihr zwischen euch handelt (Luther).
2 Die jüngere intransitive Verwendung findet sich auch schon bei Luther, häufig bei ihm handeln mitverfahren‹: du hast mit (heute: an) mir gehandelt nicht wie man handeln soll; desgleichen handeln durch ein Adverb bestimmt: habe ich unrecht gehandelt; vgl. auch vom Frieden zu handelnüber den Frieden zu unterhandeln‹. Seit dem 17. Jahrhundert handeln von, bezogen auf Schriftsteller oder Schriften (dafür früher auch der Akkusativ wie jetzt bei "abhandeln"). Erst um 1800 erscheint das unpersönliche es handelt sich um (wohl nach franz. il s'agit de); früher auch mit von: hier handelt sichs vom Glück oder Unglück meines Lebens (A075 Johann Wolfgang von Goethe, Wanderjahre 25 I,256,18); wenn sie nur erst wüßte, wovon es sich handelte (Mörike). Schließlich absoluter Gebrauch von handeln als Gegensatz zu bloßem Denken, Fühlen usw. Substantivisch Handeln, soziales Handeln, definiert von M.Weber als Grundbegriff der modernen Sozialwissenschaften (vgl. L138 HWbPh).
3 Ursprünglich nur eine Spezialisierung ist handeln auf Kauf bezogen. Es wird vom Käufer gebraucht im Sinne von ›über den Preis verhandeln‹; früher transitiv ›einhandeln‹: unter den Kunstwerken, welche Verres in Sicilien mehr raubte als an sich handelte (Lessing); vom Verkäufer wird dann gesagt er läßt (nicht) mit sich handeln, häufig phraseologisch ›ist (un-)nachgiebig‹; früher zuweilen er läßt sich(Akkusativ) handeln: der Besitzer läßt sich handeln (Lessing); auch ließe ich mich handeln(Heine). Andererseits vom Verkäufer handeln mitzu verkaufen haben, Geschäfte treiben mit‹; auch die Pilze werden zu 8 Mark pro Kilo gehandelt. ⇑ "abhandeln", "aushandeln", "behandeln", "einhandeln", "mißhandeln", "unterhandeln", "verhandeln".
Handlung (ahd. ) entspricht in seinen verschiedenen Bedeutungen denen des Verbs handeln. Allgemein in der neueren Sprache synonym mit ↑ "Tat". Im Frühneuhochdeutschen wie "Verhandlung", vgl. noch soll ich das alles protokollieren?was zur Handlung gehört (A075 Johann Wolfgang von Goethe, Götz 4,2); Friedenshandlung (Schiller). Im 17./ 18. Jahrhundert (neben "Abhandlung") für lat. actus im Drama; so noch bei Klopstock (↑ "Aufzug").
1 Für die ⇓ "S127" Dichtungstheorie vgl. Lessing: eine reihe von bewegungen, die auf einen endzweck abzielen, heiszet eine handlung; sind handlungen der eigentliche gegenstand der poesie (L059 DWb). Speziell für das Drama war die (aristotelische) Lehre von der Einheit von Raum, Zeit und Handlung (A045 Friedrich Dürrenmatt, Physiker 288) wichtig. Schon bei L003 Johann Christoph Adelung 1775 die Unterscheidung in äußere Handlungen (des Körpers) und innere Handlungen (des Geistes, der Seele).
2 Im speziellen Sinne ›Handelsbetrieb‹, häufig im 18. Jahrhundert, dafür jetzt Handel; ferner ›Kaufmannsgewerbe‹: die Handlung erlernen, sich der Handlung widmen, die Städte, die Edlen, das Volk… die Handlung, den Feldbau, die Gewerbe (A075 Johann Wolfgang von Goethe, Egmont, 1,8,227), die Handlung verstehen, Handlungsgehilfe. Üblicher ist jetzt Handlung für ein einzelnes kaufmännisches Geschäft, besonders in Zusammensetzungen: Blumenhandlung, Lederhandlung usw.
Handel mittelhochdeutsche ⇓ "S183" Rückbildung zu handeln . Frühneuhochdeutsch hat es die allgemeine Bedeutung ›etwas, womit man zu tun hat, Geschäft, Angelegenheit‹, vgl. bei Luther Gottes Gebot lehret klüglich fahren in allem Handel; daß David getan hatte, das dem Herrn wohlgefiel, ohne in dem Handel mit Uria; auch im Plural das Werk lobt den Meister und einen weisen Fürsten seine Händel; kein Kriegsmann flicht sich in Händel der Nahrung. In späterer Zeit wird Handel so nur gebraucht mit dem Nebensinn des Unangenehmen, Bedenklichen: daß der Handel, der mich um Eure Ehre besorgt machte, sich zu Eurem Vorteil aufgeklärt hat (Lessing); diesen verwegenen Handel im Stillen beizulegen (Goethe). Eine Spezialisierung ist ›Prozeß‹: wenn jemand einen Handel hatte, daß er zum König vor Gericht kommen sollte (Luther); dann auch ›außergerichtliche Streitigkeit‹: mit Felix hatte ich einen kleinen Handel (A075 Johann Wolfgang von Goethe, Wanderjahre 24,38,6); so noch üblich der ⇓ "S172" Plural Händel; vgl. ferner Ehrenhandel.Eine andere Spezialisierung ist ›Kaufgeschäft‹, wofür frühneuhochdeutsch auch genauer Kaufhandel, vgl. einen Handel abschließen, handelseinig werden; Lothario hat uns den Handel um wichtige Güter aufgetragen (Goethe); frühneuhochdeutsch auch im Plural: alle Schiffe im Meer und Schiffleute fand man bei dir, die hatten ihre Händel in dir (Luther). Noch gewöhnlicher seit dem Frühneuhochdeutschen ist Handel im kollektiven Sinn ›Gesamtheit von Kaufgeschäften‹; schon frühneuhochdeutsch die Formeln Handel und ↑ "Gewerbe", Handel und ↑ "Wandel".
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