Hermann Paul - Deutsches Wörterbuch
fassen
ahd. fazzon, mhd. vazzen, abgeleitet aus ↑ "Faß", dessen allgemeinster Bedeutung entsprechend zunächst1in ein Gefäß, auch einen Sack, Wagen, ein Schiff usw. hineintun‹, so bei Luther: man fasset auch nicht Most in alte Schläuche; auch noch viel später: soviel in seine Taschen sich fassen ließ (Wieland); ähnlich fasse meine Schwester auf mein Pferd(Schikaneder); auch der beim Militär übliche Ausdruck Essen fassen sowie die Löhnung fassen ist wohl ursprünglich vom Einsacken der Naturalien zu verstehen; übertragen fasset ihr zu Ohren diese Rede (Luther); fasset nun diese Worte zu Herzen und in eure Seele (Luther); fass' doch diese Lehren izt in dein Herz (Gellert); hierher gehört noch
ins Auge fassen und zusammenfassen. Weiter
2.1 von einem Gefäß, einem Raum ›in sich aufnehmen‹, dann ›imstande sein aufzunehmen‹: der Krug faßt zwei Maß, der Saal faßt hundert Menschen; ihr Glück und ihre Liebe faßte selig eine Wohnung, ein Bett und ein Grab (Goethe). Entsprechend sagt dann Luther von Menschen fasset uns (›gebt uns Raum unter euch‹), daraus
2.2begreifen‹: ich kann's nicht fassen, nicht glauben (Chamisso); dazu "auffassen", erfassen, faßbar, faßlich (s.unten); hierher wohl auch ursprünglich sich ein Herz fassen (Luther), Mut, Vertrauen, Neigung, einen Haß, eine Meinung fassen u.dgl., wiewohl sie auch zu (6) gestellt werden könnten.
3in eine Umrahmung einschließen, mit einer Umrahmung umgeben‹: einen Edelstein in Gold fassen, seltener einen Brunnen, einen Bach, ein Gewand fassen, gewöhnlich dafür einfassen.
4 Mittelhochdeutsch ›kleiden, rüsten‹ (vgl. altnord. fot ›Kleidung‹, Plural von fat ›Faß‹), noch im 17. Jahrhundert: fasse dich mit Tartsch und Schilde (Opitz), auf Geistiges übertragen: fasset eure Seelen mit Geduld (Luther), ohne nähere Bestimmung: wenn der ewg' Erschütterer der Wolken sich dir zeigte, wie würdest du dich fassen? (H. v.Kleist); noch jetzt allgemein ich bin gefaßt (16. Jahrhundert), ursprünglich ›ich habe mich gerüstet für den Fall, daß etwas eintritt‹, daher ›es kommt mir nicht unerwartetEr war, wie ich merkte, auf beides schon gefaßt (A298 Carl Friedrich Bahrdt, Geschichte seines Lebens, Teil 1,318), im 18. Jahrhundert auch mit zu: so bin ich zu allem sehr gefaßt (Lessing); auch absolut: ein vorbereitetes gefaßtes Auge(Goethe). Sich fassen jetzt ›sich wieder in Ordnung bringen nach einer Störung durch etwas Unerwartetes‹, ungewöhnlich auf Lebloses übertragen: Das Wetter hatte sich gefaßt und versprach beständig zu bleiben(Mörike); dagegen sagt man für Vorbereitung auf etwas noch Bevorstehendes sich auf etwas gefaßt machen. Hierher zu ziehen (oder zu 3) wird auch sein einen Gedanken in Worte fassen; in eine richtige ordnung gefaszt (Luther; L059 DWb) u.dgl.; ferner
sich kurz fassen »sich der Kürze in Worten befleißigen« (L004 Johann Christoph Adelung); ›in Ordnung bringen‹ auch in ⇑ "auffassen", "verfassen" ("Verfassung").
5 Zunächst an (3) schließt sich an ›mit Armen oder Händen umschließenwer fasset den Himmel mit einer Spanne (Luther); ich fasse kühn sie in die Arme (Schiller) ↑ "umfassen".
6 Indem dann die Vorstellung des Umgebens zurücktritt, bleibt die Bedeutung ›ergreifen‹ übrig. Doch konnte sie sich auch aus (1) entwickeln, indem auch zum Hineintun ein Greifen erforderlich war. Dies ist die jüngste, aber jetzt die verbreitetste und lebendigste Bedeutung von fassen, das damit eine Funktion übernommen hat, die früher vorwiegend von "fangen" versehen wurde; häufig übertragen: wo faß' ich dich, unendliche Natur (A075 Johann Wolfgang von Goethe, Faust I,455); fassen sie wieder fusz auf der erde! man lebt nur einmal (Goethe; L059 DWb); Wurzel fassen; Angst, Mitleid usw. faßt jmdn.  
faßlich 17. Jahrhundert zu fassen(2) im Sinne von ›begreifen‹. Von A075 Johann Wolfgang von Goethe öfters mit näherem Anschluß an fassen(6) gebraucht: Der Rheinfall von vorn, wo er faßlich ist, bleibt noch herrlich (Tagebücher 18.9.97).
Fassung mhd. vazzunge; zu fassen(3) Fassung eines Edelsteins, ⇓ "S220" elektrotechnisch Fassung einer Glühbirne (20. Jahrhundert): Fassung eines Gedankens, Antrags, »die dem Inhalt einer Schrift gegebne Darstellungsform« (L264 Daniel Sanders), dazu Druckfassung, Originalfassung, Urfassung; zu fassen(4): ›Gefaßtsein, Gelassenheit‹: Fassung zeigen, etwas mit Fassung tragen, aus der Fassung geraten, aus der Fassung bringen, die Fassung verlieren usw. Selten zu fassen(2): Dichter, die so gern ihren Flug weit über alle Fassung des größten Teils ihrer Leser nehmen (Lessing);
fassungslosbestürzt, perplex‹ (19. Jahrhundert);
FassungskraftVermögen des BegreifensDer Geist hat denn doch nur einen gewissen Grad von Fassungskraft (A075 Johann Wolfgang von Goethe, Briefe 37,87,25); Fassungsvermögen auch konkret zu fassen(2): Fassungsvermögen eines Tankers.
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