Duden Richtiges und gutes Deutsch
Verb
1 Umlaut bei den starken Verben2 Präfixverben und Verben mit Verbzusatz
2.1 Präfixverben als feste Zusammensetzungen
2.2 Verbzusätze in unfesten Zusammensetzungen
2.3 Die Betonungen bei den festen und unfesten Zusammensetzungen
2.4 er, sie, es erkennt an / er, sie, es anerkennt
3 Verdeutlichende Verbzusätze
Das Verb (Plural: die Verben; auch Zeitwort oder Tätigkeitswort genannt) ist konjugierbar (Konjugation) und innerhalb des Satzes fest mit dem Prädikat als dem grammatischen Kern der Aussage verbunden. Nach der Aufgabe, einen Zustand, einen Vorgang oder eine Handlung zu bezeichnen, unterscheidet man Zustandsverben (sein, bleiben, wohnen), Vorgangsverben (fallen, wachsen, erfrieren, verbluten, einschlafen) und Handlungsverben (kämpfen, pflügen, denken).
Nach ihrer Verwendung im Satz kann man die Verben nach der Zahl ihrer Ergänzungen unterscheiden. Hat ein Verb genau eine Ergänzung, dann ist diese Ergänzung meist das Subjekt. Solche Verben werden auch absolute Verben genannt:
Peter schläft. Nina arbeitet. Der Hahn kräht. Es regnet.
Verben mit mehreren Ergänzungen nennt man auch relativ:
Stephan lobt seinen Bruder. Susanne kümmert sich um ihr berufliches Fortkommen. Paul erinnert Franziska an ihr Versprechen. Vera schenkt ihrem Freund einen Schal.
Eine besonders wichtige und umfangreiche Gruppe stellen die transitiven Verben dar. Transitive Verben verbinden sich mit einem Akkusativobjekt (auch direktes Objekt genannt) und bilden ein persönliches Passiv (Passiv):
Der Bauer pflügt den Acker. - Der Acker wird (vom Bauern) gepflügt.
Transitive Verben sind Handlungsverben. Im Aktivsatz wird der Handelnde vom Subjekt bezeichnet. Das, worauf sich die Handlung bezieht, erscheint im direkten Objekt. Alle Verben, die diese Eigenschaften nicht haben, zählen zu den intransitiven Verben:
Transitive Verben: sehen, bauen, lesen, loben, halten, glauben, fordern, geben, schreiben, sagen.
Intransitive Verben: arbeiten, schlafen, blühen, fehlen, gefallen, freuen, helfen, drohen, liegen, wohnen.
Viele Verben können sowohl als transitives als auch als intransitives Verb verwendet werden:
Transitiv: Er kocht die Kartoffeln.
Intransitiv: Die Kartoffeln kochen.
1 Umlaut bei den starken Verben
Bei der Konjugation unterscheidet man als Haupttypen die starken und die schwachen Verben. Starke Verben zeichnen sich dadurch aus, dass sich ihr Stammvokal ändert (fahre - fuhr - gefahren, singen - sang - gesungen). Bei den meisten starken Verben mit dem Stammvokal a und o oder dem Diphthong au tritt in der 2. und 3. Person Singular Indikativ Präsens Aktiv der Umlaut ein:
fallen, du fällst, er fällt; laufen, du läufst, er läuft; stoßen, du stößt, er stößt.
Nicht alle starken Verben haben diesen Umlaut, Ausnahmen sind die Verben schaffen, hauen, saugen, schnauben, kommen. Bei schnauben unterbleibt der Umlaut, weil das Verb schon weitgehend schwach flektiert wird (er schnaubte statt er schnob). Bei saugen unterbleibt der Umlaut, weil sonst eine Verwechslung mit den Formen des Verbs säugen einträte.
Schwache Verben haben diesen Umlaut im Präsens ebenfalls nicht. Daher sind regional verbreitete Umlaute, wie z. B. du verkäufst, er verkäuft für: du verkaufst, er verkauft, in der Standardsprache nicht korrekt. Vgl. auch laden, fragen.
2 Präfixverben und Verben mit Verbzusatz
Die wichtigsten Mittel, innerhalb des heimischen Wortschatzes neue Verben zu bilden, sind Präfixe und Verbzusätze. Präfixe sind fest mit dem Stamm verbunden und unbetont (belegen - sie belegt, verschieben - er verschiebt). Verbzusätze sind trennbar und betont (ablegen - sie legt ab, wegschieben - er schiebt weg). Bestimmte Einheiten können sowohl als Präfix als auch als Verbzusatz fungieren. Man spricht dann auch von festen bzw. unfesten Zusammensetzungen.
2.
1 Präfixverben als feste Zusammensetzungen
Bei fest zusammengesetzten Verben verhält sich der erste Bestandteil wie ein Präfix. Solche Verben werden auf dem zweiten, dem verbalen Bestandteil betont (zur Bildung des Partizips Partizip II (1), zur Stellung des zu beim Infinitiv zu (4)):
ich durchbreche, durchbrach, habe durchbrochen; durchbrich! Sie versuchte die Absperrung zu durchbrechen.
Als erste Bestandteile erscheinen vor allem Einheiten, die auch als lokale Präpositionen vorkommen: über-, unter-, durch-, um-, hinter-; mit wider- gibt es etwa zehn Bildungen, mit dem ursprünglich bedeutungsgleichen wieder- als Präfix nur wiederholen. Als einziges Adjektiv hat sich voll- dieser Gruppe angeschlossen. Die meisten dieser Vorderglieder können auch als Verbzusätze unfeste Zusammensetzungen bilden.
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2 Verbzusätze in unfesten Zusammensetzungen
Bei unfesten Zusammensetzungen ist das Verb mit seinem nicht verbalen Teil nur in den infiniten Formen, also im Infinitiv und im Partizip I und II, und im Nebensatz mit Einleitewort (Verbletztsatz) fest verbunden:
anführen, anführend, angeführt; wenn ich anführe, anführte. Ich bat sie, uns anzuführen.
In den finiten Formen des Verberst- und des Verbzweitsatzes (Indikativ, Konjunktiv I und II, Imperativ) steht der nicht verbale Teil der Zusammensetzung stets getrennt hinter dem Verb, und zwar in der Regel am Ende des Satzes bzw. des Mittelfeldes, Verbalklammer:
Er führt, führte den Suchtrupp an. Er sagt, er führe den Suchtrupp an. Führe den Suchtrupp an! Führt er den Suchtrupp an?
Im Unterschied zu den festen Zusammensetzungen trägt der nicht verbale Teil immer den Hauptakzent. Zur Bildung des Partizips Partizip II (1), zur Stellung des zu beim Infinitiv zu (4).
2.
3 Die Betonung bei den festen und unfesten Zusammensetzungen
Die Betonung unterscheidet feste und unfeste Zusammensetzungen mit demselben ersten Bestandteil nicht zufällig. Sie zeigt an, ob das größere Gewicht auf der verbalen Bedeutung oder auf der Bedeutung des ersten Bestandteils liegt. Es gibt Verben, die, je nachdem ob sie den Ton auf dem ersten Glied oder auf dem zweiten Glied tragen, verschiedene Bedeutung haben:
übersetzen: Der Fährmann setzt die Wanderer über. - übersetzen: Sie übersetzt ein Buch.
durchziehen: Sie zieht den Faden durch. - durchziehen: Sie durchziehen das Land.
untergraben: Er gräbt den Dünger unter. - untergraben: Das untergräbt die Autorität.
überlegen: Er legte ihn über. - überlegen: Ich überlege es mir.
(Vgl. auch überführen / überführen). Der Bedeutungsunterschied ist bei manchen Verben so gering, dass die Betonung und damit die Zuweisung zu fester oder unfester Bildungsweise offenbleibt:
ein Brett durchbohren (betont den Umstand), ein Brett durchbohren (betont die Handlung; entsprechend:) durchdenken / durchdenken, durchlüften / durchlüften; durchscheinen / durchscheinen; durchschwimmen / durchschwimmen; durchdringen / durchdringen.
Bei der Betonung des ersten Bestandteils wird das Ergebnis der Verbalhandlung hervorgehoben, bei Betonung des Verbs wird die verbale Bedeutung selbst in den Vordergrund gerückt. Manche dieser Verben haben nur eine einzige Betonungsmöglichkeit.
Nur auf dem zweiten Bestandteil:
unterwandern, unterwerfen, widerlegen, widersprechen, widerstreben, widerstreiten.
Nur auf dem ersten Bestandteil:
durchsprechen, durchsehen, umbuchen, umdrehen, unterkommen.
Gelegentlich bleibt die unfeste Zusammensetzung wie das einfache Verb intransitiv, während die feste Zusammensetzung transitiv ist:
gehen: Ein Gerücht geht um. - Sie umgeht das Hindernis.
laufen: Der Eimer läuft über. - Es überläuft mich heiß.
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4 er, sie, es erkennt an / er, sie, es anerkennt
Bei manchen Verben mit Verbzusatz (unfesten Zusammensetzungen) neigen einige Autoren dazu, auch die sonst getrennten finiten Formen wie die der festen Zusammensetzungen zu behandeln:
Ich anbete in ihr das Licht (Goethe). ... diesen vorenthielt sie (G. Keller). Welcher Ausdruck widerspiegelt am schärfsten und sparsamsten die konkrete Sachlage? (Riesel). Er verstand den Freund und der fordernde Ton widerhallte ihm im Herzen (Apitz). Ivy musste nun wirklich gehen, unsere Sirenen widerhallten ringsum (Frisch). ... das anerkannte Tuzzi voll und ganz (Musil).
Diese Tendenz ist vor allem im Süden des deutschen Sprachraums, besonders in Österreich und in der Schweiz, festzustellen. Häufiger als in gesprochener Sprache findet sie sich in geschriebenen Texten, besonders in Fachtexten. Sie betrifft nur bestimmte - meist transitive und in übertragener Bedeutung gebrauchte - Verben, zum Teil solche, die die Präfixe er- (aberkennen) und ent- (vorenthalten) enthalten, aber z. B. nicht die Verben anbinden, abschreiben, zurücklaufen.
Zu den Verben, die sowohl unfest (mit Verbzusatz) als auch fest (mit Präfix) gebraucht werden, gehören auch obliegen, obsiegen, obwalten und übersiedeln. Sie können bei gleicher Bedeutung verschieden betont werden (obliegen / obliegen; obsiegen / obsiegen; obwalten / obwalten; übersiedeln / übersiedeln) und haben dementsprechend auch die Möglichkeit, die finiten Formen auf zweierlei Weise zu bilden (es liegt mir ob / es obliegt mir):
Die Beweislast lag vielmehr der Anklagebehörde ob (Rothfels). Sind ihre Gäste gegangen, so obliegen ihr zumeist noch allerlei gesellschaftliche Pflichten (Kolb). Mannheim obsiegt im Städtevergleich (Mannheimer Morgen). - Die Kräfte des Guten siegten schließlich ob.
Während zu obliegen, obsiegen und obwalten die infiniten Formen nur unfest gebildet werden (obgelegen, obzuliegen usw.), bestehen bei übersiedeln nebeneinander: übergesiedelt / übersiedelt; überzusiedeln / zu übersiedeln. Zur Bildung des Partizips II (übergesiedelt / übersiedelt) Partizip II (1), Verbzusatz (3).
3 Verdeutlichende Verbzusätze
Verbzusätze dienen im Allgemeinen dazu, die Bedeutung des einfachen Verbstammes zu differenzieren, z. B.:
laufen - auslaufen, ablaufen, zulaufen, weglaufen, auflaufen, nachlaufen, überlaufen, durchlaufen.
Aber nicht immer hat ein Verbzusatz diese Funktion. Gelegentlich tritt ein Verbzusatz zu einem Verbstamm, ohne dessen Bedeutung wesentlich zu verändern. Ganz ohne Grund werden Verbzusätze jedoch auch in solchen Fällen nicht hinzugesetzt. Meistens dienen sie zur Verdeutlichung. Das ist vor allem bei Fremdwörtern zu beobachten, deren Inhalt durch heimische Verbzusätze besser verständlich gemacht werden soll:
abfrottieren, abpatrouillieren, abkonterfeien, anvisieren, aufoktroyieren, durchdiskutieren, einsuggerieren, herausdestillieren, herausmutieren, herumflanieren, vorbeidefilieren, vordeterminieren, zusammenmixen.
Während manche dieser Wörter im Deutschen gar nicht mehr anders als mit dem Verbzusatz gebraucht werden können, betrachtet man ihn bei anderen als überflüssig und bezeichnet diese Verben dann als Kontaminationen oder pleonastische Zusammensetzungen. Allerdings weisen auch diese sogenannten Kontaminationen oder pleonastischen Zusammensetzungen meistens besondere inhaltliche oder stilistische Nuancen auf. Sehr oft drücken sie die emotionale Beteiligung des Sprechers / Schreibers aus, haben also eine semantisch-expressive Funktion. Überflüssig sind jedoch zusammengesetzte Verben wie
zusammenaddieren, zurückreduzieren, herauseliminieren, nachimitieren, durchfiltrieren.
Auch heimische Verben erhalten verschiedentlich Verbzusätze, die die Verbbedeutung verstärken oder nuancieren sollen, z. B.:
abschildern, abvermieten, anliefern, anmahnen, anmieten, absieben, absieden, absichern, abstauen, abtauen, davonfliehen, herabmindern, zusammenbrauen.
Einige Belege zeigen den Gebrauch:
anempfehlen: ... als er mir den Humor anempfahl (Gaiser). Ich sollte der Sache ... auf den Grund gehen, das könne er mir anempfehlen (Kempowski).
ablöschen: Das Licht war wieder abgelöscht worden (Musil). Nach den bisherigen Ermittlungen ist das Feuer, das erst am Montagmorgen abgelöscht werden konnte, durch ... entstanden (Mannheimer Morgen).
Manche mit Verbzusatz versehene Verben sind, abgesehen von der Bedeutungsabschattung, auch in grammatischer Hinsicht vielfältiger oder anders einzusetzen, z. B.:
mahnen / anmahnen: Ich habe ihn gemahnt, den Betrag zu bezahlen. Ich habe den Betrag angemahnt; der angemahnte (nicht: gemahnte) Betrag.
schreiben / anschreiben: Ich habe ihm / an ihn geschrieben. Ich habe den Vorstand angeschrieben.
fliegen / anfliegen: Ich fliege nach Berlin. Wir fliegen Berlin, den Flugplatz an. Berlin wird angeflogen.
Passivbildung (das Buch wurde angemahnt, Berlin wird angeflogen), Umklammerung (ich mahne das Buch an) und damit auch Endstellung im Satz werden auf diese Weise möglich. Diese größere Beweglichkeit und Verwendungsfähigkeit ist sicher kein unwesentlicher Grund für solche Wortbildungen. Gleiche Gründe gelten sicher auch für die Beurteilung des sogenannten Nominalstils (in Erinnerung bringen; Funktionsverben) und für die Präfixverben mit be- (beliefern). Über die Getrennt- oder Zusammenschreibung von Verben Getrennt- oder Zusammenschreibung (1). Zur Großschreibung der substantivisch gebrauchten Infinitive (Einsetzen von Stiften, im Fahren) substantivierter Infinitiv (1). Zum Bindestrich bei mehrteiligem substantivisch gebrauchten Infinitiv (das In-den-April-Schicken) Bindestrich (3.2). Zur Auslassung des e in Verben auf -eln und -ern (ich wechsele / wechsle) Indikativ (3). Darüber hinaus Imperativ, 2Aktiv; Passiv, Zeitenfolge, haben (1); sein / werden, reflexive Verben, Vollverb, Hilfsverb, Modalverb, Verbzusatz, Tmesis, Aufschwellung, Papierdeutsch.
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